Leseprobe XXL: Dark Ages – Prinzessin der Feen

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Prolog

Es war dunkel und so finster, wie es in der Nacht ohne jedes Laternenlicht eben sein konnte. Sie blickte vor sich einer Gestalt entgegen, die sie kaum erkennen konnte. Einer Person, die sie ängstigen sollte. In Wahrheit zog es sie direkt zu ihr hin. Es drängte sie geradezu, ihr ungeachtet entgegen zu laufen, um … ja, um was zu tun? Die Gestalt bewegte sich nun langsam auf sie zu. Sie kniff die Augen zusammen, um sie besser sehen zu können.

An den breiten Schultern war jetzt gut zu erkennen, dass es sich um einen Mann handelte. Er bewegte sich elegant, fast wie ein Panther, der seine Beute ins Auge gefasst hatte. Oder so grazil, als hätte er das gesamte Leben auf einem Drahtseil verbracht. Die Kapuze versteckte das Gesicht, welches sie so gern sehen wollte. Sie konnte keine Haar- oder Augenfarbe erkennen, nichts, was es ihr möglich machen würde, ihn besser beschreiben zu können.

Sie spürte nur diese starke Anziehung, so als sei es lebenswichtig für sie, zu ihm zu gelangen.

***

1. Irgendwo ankommen

Tiefblaue Augen öffneten sich abrupt.

Ihr Kopf lehnte schwer gegen das beschlagene Fenster. Der Regen trommelte unentwegt auf das Dach des Zuges und das ständige Rütteln ließ nicht zu, dass sie in einen tieferen Schlaf fiel. Wenn sie den Tropfen weiterhin zuhörte, dann bewahrte sie das auch vor einer erneuten verwirrenden Begegnung mit ihm. Sie schloss die Augen, um sich einen Moment der Ruhe zu gönnen und die Menschen um sie herum auszublenden. Für Ende Dezember war es ungewöhnlich warm. Das bedeutete, dass sie in keine weiße Schneelandschaft treten würde, sobald sie aus dem Zug stieg, sondern in Pfützen. Draußen war es feucht und matschig. Ein Wetter, bei dem sich Lily wirklich nicht wohlfühlte. Ihr mühsam geglättetes Haar kräuselte sich dann augenblicklich in alle Richtungen – wie bei Hermine aus Harry Potter.

Unwillkürlich dachte sie an den Hogwarts Express. Wie gern hätte sie einer solch magischen Zukunft entgegengesehen, mit all den vielen Geheimnissen und Menschen, die einen liebten und faszinierten. Eine ihrer Fähigkeiten war es, sich in eines dieser Bücher hineinzuträumen. Manchmal war sie eine stolze Elizabeth Bennet, die Mr. Darcy mit allerhand Vorurteilen betrachtete und sich am Ende doch Hals über Kopf in ihn verliebte. Ein anderes Mal kam sie sich wie Isolde vor, die ihre Liebe für Tristan nicht zu verbergen vermochte. Doch natürlich hatte sie auch all die zeitgenössische Literatur gelesen. Sie bewunderte die große und außergewöhnliche Liebe von Bella und Edward oder kämpfte an Harrys Seite gegen Voldemort. Wenn es etwas gab, das sie einst tun wollte, dann war es, solche Bücher zu schreiben. Sie wünschte sich Helden auferstehen zu lassen, die bereit waren, alles für die einzig wahre Liebe zu opfern. Damit würde sie hoffentlich anderen Menschen Mut machen, so wie ihre Buchhelden das bei ihr geschafft hatten. Auch wenn ihre nächste Station nicht Hogwarts hieß, so war doch jedes Ziel besser als das, welches sie hinter sich ließ.

Sie seufzte leise, als sie an die Welt dachte, die sie gerade verlassen hatte. Eine Welt, in der ihre Mutter die erste Geige gespielt hatte, gefolgt von der London High Society und der Etikette. Danach kamen allerhand Partys, mit Kaviar und Champagner und nicht zu vergessen – die Etikette. Die war ihr größtes Problem gewesen. Nein, eigentlich stimmte das auch nicht. Eigentlich war sie selbst das größte Problem gewesen. Das ganze Leben hatte sie nie den Erwartungen ihrer Mutter entsprochen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals irgendwelchen Vorstellungen gerecht geworden zu sein. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, weil er ihre Mutter und sie kurz nach ihrer Geburt verlassen hatte. Wer verließ schon ein kleines Baby? In ihren kleinen Bruder Harry hatte sie sich damals sofort verliebt, als er nur ein paar Stunden alt gewesen war. Die Anforderungen ihres Vaters hatte sie demnach wohl auch nicht erfüllt. Sie konnte sich noch vage an ein Leben mit ihrer Mutter erinnern, das nicht nur aus Anstand und Benimmregeln bestand. Damals hatten sie noch in Cornwall in der Nähe von ihrem Onkel Liam und ihrer Tante Caitlin gelebt. Dies waren die glücklichsten Jahre in ihrem jungen Leben gewesen. Doch ihre Mutter hatte unbedingt auf die Jagd nach einem ausgesprochen wohlhabenden Ehemann gehen müssen. Der hatte sie dann auch noch nach London verschleppen und all ihre Träume erfüllen müssen.

Harold war gewiss kein schlechter Typ. Er hatte für ihre Mutter Jane die Türen zu etlichen vornehmen Clubs, Partys und Gesellschaften geöffnet. Als Gegenleistung liebte Jane Harold und machte ihn zur einzigen Priorität. So glücklich Harold Jane auch machte, umso weniger erfüllte er die Vorstellung von einem schönen Leben für Lily. Daran konnte auch die Geburt ihres Halbbruders Harry vor über acht Jahren, den sie trotz allem wirklich sehr lieb hatte, nichts ändern. Doch Harry wurde ebenso nach den Vorstellungen seiner Eltern erzogen, und es wurde jetzt schon hinter vorgehaltener Hand von einer geplanten Verbindung zu Mr. Clearwaters Tochter Jenny getuschelt. Das stimmte Lily traurig, doch für Harry war das völlig normal und in Ordnung. Er gierte danach, einst ein riesiges Unternehmen zu leiten. Vor allem freute er sich darauf, viel Geld auszugeben und sich alles leisten zu können. Übelkeit stieg in Lily auf und sie konnte nicht sagen, ob es an der Zugfahrt oder dieser Vorstellung lag.

So viel Normalität ihre Eltern an der geplanten Verbindung auch sahen, so war in Lilys Leben nichts normal. Absolut nichts. Ihre Mutter würde nur die Nase rümpfen und den Mund geringschätzig verziehen. Dieses Mädchen sollte ihre Tochter sein? Die seltsame, rebellische junge Frau, die die Last der gesamten Welt auf ihren Schultern zu tragen schien, sollte in ihre akkurate Welt passen? Auch für sie hatte es schon einen Zukunftsplan gegeben. Harold hatte in ihr immer viel Potenzial gesehen, schon als sie noch ganz klein gewesen war. Die hellbraunen dicken Haare, die Porzellanhaut und die tiefblauen Augen mussten auf jeden Mann anziehend wirken. Jeder musste sie zur Frau haben wollen. Manchmal fragte Lily sich wirklich, ob diese Welt noch im Mittelalter lebte. Die Vorstellung behielt Harold allerdings hartnäckig bei und sah mit Entzücken dabei zu, wie Lily weiblichere Rundungen bekam und erwachsen wurde. Allerdings nur so lange, bis sie das Haar schwarz färbte, die Augen dunkel umrandete und etliche Löcher in ihre Ohren und Nase bohrte.

Die Kleidung wählte sie mit Bedacht. Sie legte sich durchlöcherte Hosen und dunkle T-Shirts in Übergröße zu, um ihren wohlgeformten Körper vor den möglichen Heiratsanwärtern zu verbergen. Nach all den Jahren hatte sie beinahe vergessen, ob sie diese Kleidung selbst mochte, oder nur ausgesucht hatte, um nicht in das perfekte Bild der Harolds (so nannte Harold sie alle spaßeshalber) zu passen. Die Nasenlöcher waren mittlerweile verschwunden, doch von der restlichen Maskerade hatte Lily sich bisher noch nicht trennen können. Sie spürte wie der Blick des alten Mannes, der ihr gegenübersaß, auf ihr ruhte. Er musterte sie eingehend. Ob er ihre Erscheinung verabscheute oder sie insgeheim bewunderte, vermochte Lily nicht zu sagen. Sie trug die bequemen Stiefel, die bis zu den Knien zugeschnürt waren. Da sie den ganzen Tag auf den Beinen war, hatte sie angenehmes Schuhwerk für eine gute Idee gehalten.

Außerdem hatte sie ein paar dunkle Jeans, eine warme Jacke und eine graue Strickmütze angezogen, die das unordentliche Haar verborgen hielt. Der Mann hingegen trug eine alte Baskenmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. Seine Kleidung sah genauso zerschlissen aus, wie ihre. Lily betrachtete seine Gestalt näher und verweilte bei den Händen, die eine durchweichte Zeitung festhielten. Sie waren gepflegt und makellos. Es gab keine Trauerränder, die man bei dieser Aufmachung sicher erwartet hätte. Sie spürte, wie er sie unverhohlen anstarrte und Lily wagte es, ihm ins Gesicht zu sehen. Gütige dunkle Augen und ein freundliches Lächeln sahen ihr entgegen. Sie konnte nicht anders und lächelte zurück.

„Möchten Sie auch mal in die Zeitung schauen?“, fragte er liebenswürdig und Lily schüttelte den Kopf.
„Nein danke, ich fürchte, sie würde keine weitere Lesung überstehen.“
Der Mann sah irritiert auf den Gegenstand in der Hand, als bemerke er erst jetzt, dass etwas damit nicht zu stimmen schien. Er wirkte zufrieden damit und fragte: „Auf dem Weg nach Hause?“
Lilys verwunderter Blick schweifte ab in die Ferne und sie brauchte nicht lange zu überlegen. „Nach Hause … ja.“
Der Fremde lächelte und überließ Lily wieder ihren Gedanken.
Der Zug würde sie endlich in eine andere und hoffentlich bessere Welt führen. Dorthin, wo sie zuletzt wirklich glücklich gewesen war – nach Cornwall.

Es hatte nicht viel mehr gebraucht, damit sie ihren Willen bekam und weit weg von ihrer Mutter leben konnte. Sie wurde erst in wenigen Monaten volljährig und so hätten ihr anderenfalls noch etliche Teepartys bevorgestanden. Doch dann hatte sie die rettende Idee gehabt. Sie war mit ein paar Bekannten in die Cafeteria ihrer alten Schule eingebrochen und hatte dort alles verwüstet. Das hatte Jane schließlich den Rest gegeben. Sie hatte den Gedanken aufgegeben, dass aus der einzigen Tochter, dem hässlichen Entlein, einmal der schöne Schwan werden würde, den sie erwartet hatte. Sie erinnerte sich genau an die zusammengekniffenen Lippen ihrer Mutter, als sie ihr den Telefonhörer gereicht und befohlen hatte, ihren Onkel Liam anzurufen.

Liam war in all den Jahren immer Lilys einziger Lichtblick gewesen. Bei ihm hatte sie immer zwei Wochen ihrer Sommerferien verbringen dürfen. Sie liebte dort einfach alles. Es war ruhig, es gab nicht so viele Menschen und am Allerwichtigsten: Es war überall grün. Es gab nichts Schöneres, als sich mit einem Buch ins Gras sinken zu lassen und einfach nur der Natur zu lauschen.
Die Unruhe in London hatte sie beherrscht. In den zwei Wochen, in denen sie in Cornwall zu Besuch gewesen war, kehrte Frieden in ihren Körper. Sie hatte sich zu Hause gefühlt, als sei sie endlich irgendwo angekommen. Außerdem hieß man sie dort willkommen und sie war kein hässlicher Klotz am Bein, der bei der Gesellschaft gern vertuscht wurde. Sie hatte nie verstanden, warum ihre Mutter sie nicht früher hatte gehen lassen wollen. Es war immer unübersehbar gewesen, dass Jane mit Lilys Verhalten alles andere als glücklich gewesen war. Dennoch hatte sie darauf bestanden, dass ihre Tochter bei ihnen blieb.

Seit Jahren hatte Lily sich genau das gewünscht, nach Cornwall zurückkehren zu dürfen. Aber jetzt, wo es endlich so weit war, fühlte sie sich seltsam. Weiterhin rastlos, als gehörte sie nirgendwo wirklich hin. Sie sollte eigentlich zuversichtlich und freudestrahlend im Zug sitzen, doch Lily fühlte alles andere als das. Irgendwann in den letzten Jahren hatte sie sich selbst verloren. Nun hatte sie Angst davor, herauszufinden, was von ihr übrig geblieben war. Ein Geräusch hinter ihr ließ sie zusammenzucken und sie sah sich um. Eine junge Frau mit halblangen, braunen Haaren hatte nur ihre Tasche fallen lassen. Der Schaffner beeilte sich bereits, ihr zur Hand zu gehen und alles zurück in ihre Tasche zu stopfen, während sie ihm ein liebenswürdiges Lächeln schenkte. Er grinste ihr dümmlich hinterher, als sie wieder Platz nahm.

Lily konnte den Gesichtsausdruck des Kerls durchaus verstehen, denn die andere Frau war sehr hübsch. Sie war keine Schönheit, nicht im klassischen Sinne. Sie war nicht besonders groß, eher klein und zierlich. Die Gesichtszüge waren fein und wohlgeformt. Der Mund war voll, aber sie verwendete keinen aufdringlichen Lippenstift. Alles an ihr wirkte einfach natürlich. Es war wohl eher die Ausstrahlung, die den Mann und jeden anderen Fahrgast im Zug in ihren Bann zog. Einen Moment später begegnete Lily dem Blick der anderen Frau. Lily fühlte sich beim Starren ertappt und glaubte, dass die Frau zu ihr herüber lächelte und ihr zuzwinkerte. Aus Scham wandte sie sich schnell von ihr ab und sah rasch wieder aus dem Fenster. Sie traute den eigenen Augen nicht, denn sie glaubte ein Tattoo gesehen zu haben, das um ihr linkes Auge geschwungen war. Als Lily allerdings erneut hinsah, war nichts mehr davon zu erkennen. Irritiert entschloss Lily sich, diesen Vorfall zu der Reihe von seltsamen Vorkommnissen zu schieben. Für die letzten Stunden Zugfahrt bis Plymouth schloss sie die Augen und spürte, wie sie langsam erneut in einen leichten Schlaf fiel.

Der Zug bremste abrupt ab und ließ Lily so aus ihrem Traum hochschrecken. Da war er wieder gewesen … dieser Mann. Er tauchte seit Monaten in ihren Träumen auf. Obwohl sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte, kam er ihr unglaublich vertraut vor. Sie konnte weder die Haarfarbe noch die Augenfarbe richtig erkennen. Dennoch strahlte er eine Anziehungskraft auf sie aus, die sie kaum in Worte fassen konnte. Er sah sie nur an, bewegte sich dann langsam auf sie zu, und immer, wenn sie auf ihn zulaufen wollte, war er bereits verschwunden. Sie hatte schon öfter daran gedacht, zur Traumdeutung zu gehen, aber eigentlich glaubte sie nicht an so einen Schabernack.
Beinahe hätte sie vergessen, dass es Zeit wurde, auszusteigen. Schnell packte sie ihren Rollkoffer und eilte auf die geöffneten Türen zu. Gerade eben noch quetschte sie sich hindurch, ehe sie sich automatisch schlossen. Sie sah sich kurz um und glaubte die Fremde aus dem Zug zu sehen, als sie die Treppe hinunterlief, aber sicher war sie sich nicht. Dafür kamen zwei ihr nur zu vertraute Menschen auf sie zu, und sie erkannte ihren Onkel und ihre Tante. Die Erleichterung, die sie längst herbeigesehnt hatte, überkam sie endlich und sie stürzte freudig auf die Zwei zu.

„Lily“, rief Caitlin freudestrahlend und fiel ihr buchstäblich um den Hals. „Wie geht es dir?“ Lily nickte und stimmte in ihr Lachen ein. Caitlin drückte sie an sich und machte nur zögerlich auch für ihren Mann Platz. Liam zog seine Nichte in die Arme und hielt sie dort einen Moment lang fest, als wäre er ebenso erleichtert, wie sie. Ein beruhigender Gedanke für Lily. Sie wollte den beiden nicht zur Last fallen. Als sie jedoch um einen Schlafplatz für die letzten Monate bis zu ihrer Volljährigkeit gebeten hatte, waren die beiden beinahe so aufgeregt wie Lily gewesen. Liam hielt Lily eine Armlänge von sich fort und betrachtete sie eingehend. „Wie ich sehe, ist viel Zeit vergangen, seit deinem letzten Besuch. Du bist beinahe erwachsen.“ Lily nickte beschämt. Liam deutete auf ihre Nase: „Und den bist du auch endlich losgeworden, was? Ich dachte schon diese Phase würde nie vorübergehen.“ Er grinste breit und Lily wusste, dass er es nicht so meinte. Er hatte ebenfalls das ein oder andere Tattoo, wie Lily nur zu genau wusste. „Das kann ich allerdings nicht erwidern. Ihr seht noch genauso jung aus, wie vor ein paar Jahren.“ Ihr Onkel sah so frisch aus, als würde er zur Uni gehen und nicht schon seit Jahren ein allseits bekanntes Pub führen. Seine blonden Locken kräuselten sich dank des feuchten Wetters genauso wie Lilys. Wäre er nicht ihr Onkel gewesen, hätte sie ihn sicher als gut aussehend beschrieben.

Ihre Tante Caitlin war jedoch weit davon entfernt, nur gut auszusehen. Sie war eine wahre Schönheit. Das klassische Abbild einer Irin. Sie hatte rote, dicke Haare, Sommersprossen auf der Nase und tiefgrüne Augen. Sie hätte sicher als Model arbeiten können, wenn sie nicht längst ihren Platz in der Welt gefunden hätte. Sie grinsten und winkten ab. „Das macht nur die viele frische Luft!“
Lily hob die Augenbrauen und sagte: „Dann wäre Jane besser hier geblieben und hätte sich das viele Geld für die Chirurgen gespart.“ Liam prustete los, tarnte das allerdings als ein Hüsteln, nachdem er Caitlins strengen Blick aufgefangen hatte.
„Lasst uns zum Auto gehen. Vielleicht erwischen wir einen trockenen Moment“, schlug Caitlin vor und drückte Liam das Gepäck in die Hand, während sie sich bei Lily unterhakte. Liam schnaubte bloß und trottete dann brav hinter den beiden Frauen her. „Erzähl uns erst einmal von den letzten Tagen in London. Wie waren deine Weihnachtstage mit den ‚Harolds‘?“, fragte Caitlin wissbegierig.
„Wie immer“, schwindelte Lily. Denn wäre es wie immer gewesen, hätten die drei Tage bedeutet, dass sie von einem Event zum nächsten geschleppt worden wäre. Nach ihrer Missetat hatte man auf ihre Anwesenheit verzichtet und sie allein in ihrem Zimmer gelassen. Doch das wollte sie ihrer Tante nicht gleich auf die Nase binden.

Diese sah sie allerdings alarmiert an. „Was haben sie getan?“, fragte sie und Lily runzelte die Stirn. Sie hatte schon seit eh und je das Gefühl, dass sie Caitlin nichts vormachen konnte. Sie war aber auch eine schlechte Lügnerin, das war sie schon immer gewesen. Den beiden Menschen vor sich konnte sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund kaum etwas vormachen.
„Ach, nichts weiter! Ich hatte endlich mal ein Weihnachtsfest, das ich ganz für mich allein gestalten durfte.“ Liam und Caitlin tauschten wieder einen dieser Blicke aus, die in Lily das Gefühl hervorriefen, alles immer zu beschönigen. Sie wollte nicht, dass sie sich für etwas schuldig fühlten, für das sie nun wirklich nichts konnten.
„Du weißt, du hättest zu uns kommen können …“
‚Genau das! ‘, dachte Lily und lächelte dankbar zu ihrem Onkel auf. „Ich weiß! Aber ehrlich gesagt, hatte ich so Zeit, mich in Ruhe von meinem Leben dort zu verabschieden. Ohne die Harolds, wenn ihr versteht?“
„Wie lange hat das gedauert?“, fragte Liam mit einem Grinsen im Gesicht, welches Lily erwiderte.
„Höchstens fünf Minuten!“ Sie lachten ausgelassen und schon war die Stimmung wieder locker und gelöst. Endlich kamen sie bei Liams roten Geländewagen an, packten alles ein und fuhren los.

Lilys Blick fiel auf die Bushaltestelle, wo ein schwarzer Pick-up geparkt hatte. Plötzlich schaute sie der sonderbaren Frau aus dem Zug direkt in die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Lily die Frau zu kennen, glaubte sie sogar beim Namen nennen zu können. Ein Bild von einer Wiese mit vielen bunten Blumen tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Es war wie eine Erinnerung aus einem anderen Leben, als wüsste sie genau, wer dort stand, und ein Gefühl tiefer Erleichterung überfiel sie. Ganz so, als hätte sie etwas Wichtiges, dass sie einst verloren hatte, wiedergefunden. Beinahe hätte Lily aus einem Impuls heraus die Hand zum Gruß erhoben, was sie, Gott sei Dank, gerade noch unterdrücken konnte. Genauso schnell, wie der Moment gekommen war, war er auch schon wieder vorüber. Doch ein seltsames Gefühl blieb in ihr zurück, während sie im Rückspiegel dem forschenden Blick von Liam begegnete.

Auf der Fahrt zu Liams und Caitlins Haus ließ Lily nichts von der Umgebung unbeachtet. Aufmerksam versuchte sie, schier alle Eindrücke in sich aufzusaugen. Wie hatten ihr die grünen Felder, die Hügel, die Bäume und die wilden Blumen gefehlt. Caitlin und Liam sprachen währenddessen über das Abendessen und die Pläne für den Jahreswechsel. Doch Lily war so vertieft in die Umwelt, dass ihr kaum eine wirkliche Antwort zu entlocken war und sie vertagten daher die Entscheidung auf später. Sie bogen gerade in die Kensington Road und hielten vor einem großen Holzhaus, als Lily beim Anblick des neuen Zuhauses ein Seufzer entwich. Es stand nahe beim Wald, umringt von unzähligen Bäumen und Wiesen. Vielleicht war es ungewöhnlich für eine Frau ihres Alters, dass sie sich freute, in einem Kaff festzusitzen und keine festen Straßen unter den Füßen zu spüren. Doch nach Jahren im ‚Nebel‘ genoss Lily es, endlich mal ein paar Dinge klar betrachten zu können. In London war ihr alles meist grau, verschwommen und wild vorgekommen.

Es regnete in Bindfäden auf den Geländewagen und alle wappneten sich mit den Kapuzen davor, beim Aussteigen nicht nass zu werden. Liam trug Lilys Koffer ins Haus und stellte alles vor dem Wohnzimmer ab. Lily zog die schlammbespritzten Schuhe aus, bevor sie weiter in das Haus hineinging. Anschließend sah sie sich kurz um. Alles war noch genauso wie vor einem halben Jahr. Die Wände waren in einem sanften Gelb gestrichen, während im gesamten Raum wunderschöne, große Pflanzen verteilt worden waren. Die Inneneinrichtung war unerwartet modern. Der Blick aus dem großen Wohnzimmerfenster zeigte zum Wald. Vielleicht hätten die dunklen Bäume auf manche unheimlich gewirkt, doch auf Lily wirkten sie vertraut. Irgendetwas zog sie daran magisch an. Verträumt blickte sie hinaus. Wenn es trocken gewesen wäre, würde sie noch vor dem Auspacken hinauslaufen, dessen war sie sich sicher.
Liam und Caitlin murmelten etwas in der Küche, die direkt ans Wohnzimmer angrenzte. Lily beobachtete sie einen Augenblick, entschied aber dann, dass es sie nichts anging. Sie brauchte auch nicht lange zu warten, da kam ihr Onkel schon zu ihr zurück. Er behielt seine Jacke gleich an. Die hellblonden Haare standen ihm in nassen, wilden Locken vom Kopf ab. Er wirkte plötzlich sehr jung und sie fragte sich, wie er immer noch so aussehen konnte, als wäre er erst Ende Zwanzig. Das war er schließlich schon gewesen, als sie damals von hier fortgegangen waren. Ob das tatsächlich an der frischen Luft lag? Lily bezweifelte das.

„Dein Zimmer steht nach wie vor für dich bereit, Lilien.“ Er war der Einzige neben ihrer Mutter, der sie oft bei ihrem vollen Namen nannte. Doch Lily wusste, im Gegensatz zu Jane, tat er das nicht der Show wegen. ‚Lilien‘ hörte sich doch nach etwas Besonderem an, während Lily nach der Ansicht ihrer Mutter einfach nur gewöhnlich klang. Und Jane hatte allem Gewöhnlichen entsagt. „Wir dachten du packst in Ruhe aus und kommst mit Caitlin in zwei Stunden in unseren Pub zum Essen? Ich muss jetzt schon wieder zurück. Ist das in Ordnung für dich?“ Liam gehörte der Pub, etwa zwei Straßen von hier entfernt. Er hatte damals schon seinem Vater gehört, Lilys Großvater, den sie aber leider nie kennengelernt hatte. Genauso wenig wie den eigenen Vater. Es mochte auf viele befremdlich wirken, dass ihr Onkel der Vaterfigur für Lily am nächsten kam.

Lily wurde es ganz warm ums Herz, als ihr klar wurde, dass er sich wohl extra Zeit genommen hatte, um sie mit vom Bahnhof abzuholen. Liam wollte gerade gehen, als Lily ihn nochmals zurückrief. „Liam? Ich wollte noch mal danke sagen, dass ich bei euch bleiben darf.“
Er lachte leise, dann wurde er ernst. „Du hast schon immer hierher gehört. Dein Platz war immer hier bei uns und so wird es auch bleiben.“ Einen Augenblick betrachtete er sie eingehend und wohlwollend. „Um eine Sache bitte ich dich allerdings.“ Er hielt inne und sah zu Boden, als müsse er seine Worte mit Bedacht wählen. „Geh nicht allein in den Wald. Vor allem nicht in der Dunkelheit.“
Verwirrt sah sie hinaus. „Warum denn das? Ich war immer allein dort draußen. Du weißt, ich kenn‘ mich aus …“
Liam winkte ab. „Das ist es nicht! In letzter Zeit gab es hier nur … seltsame Vorkommnisse. Wir denken es sind Wölfe oder irgendwelche wilden Tiere dort draußen unterwegs und einige Menschen wurden schon verletzt. Sehr schwer verletzt!“

Lily betrachtete den Wald und fühlte nach wie vor die starke Anziehungskraft, die von ihm ausging. Sie seufzte und blickte wieder in Liams wachsame, blaue Augen.
„Gut. Ich geh nicht allein dorthin!“
„Versprich es mir!“, bat ihr Onkel noch einmal eindringlich und Lily nickte zögerlich. „Okay, wir sehen uns später! Ich werde Bill beauftragen das größte Willkommensessen zu zaubern, das du je gesehen hast.“
Damit verschwand er in den strömenden Regen und Lily sah ihm nachdenklich hinterher, bis sie Caitlin auf sich zukommen sah. „Komm, lass uns jetzt deine Sachen auspacken. Ich helfe dir dabei.“ Sie folgte ihr in die erste Etage mit den zwei Zimmern. Eins war ein Büroraum, in dem Liam seine Abrechnungen des Pubs erledigte. Zwischen den Räumen lag ein geräumiges Bad mit Badewanne und Dusche. Lily erklomm die letzten Stufen hinauf zum Dachgeschoss. Dies war der absolut schönste Raum im ganzen Haus und sie fragte sich jedes Mal, warum das nicht das Schlafzimmer von Caitlin und Liam war.

Als hätte Caitlin ihre Gedanken gehört, sagte sie: „Es war immer schon dein Zimmer. Niemals hätten wir es für uns nutzen wollen.“ Sie hielt kurz inne und ergänzte dann: „Wir hätten uns deine Heimkehr nur schon viel eher gewünscht.“
Lily wurde verlegen. Sie war es nicht gewohnt, dass jemand Wert darauf legte, sie bei sich zu haben. „Ich fühle mich schon jetzt wieder ganz wie zu Hause. Danke, wirklich!“
„So hätte es schon immer sein sollen“, sagte Caitlin und deutete dann auf zwei Kartons. „Die hat deine Mutter mit dem Eilkurier hierhergeschickt. Sie kamen heute Morgen schon vor dir an.“

Lily starrte darauf und konnte es nicht fassen. „Sie konnte es wohl nicht abwarten, all meine Sachen so schnell wie möglich loszuwerden, was?!“ Bitterkeit war in den letzten Jahren zu einem stetigen Begleiter geworden. Deswegen war sie nicht über das brennende Gefühl verwundert, welches ihr galleähnlich die Kehle hochkroch. Sie machte sich daran, die Kartons zu öffnen, als sie eine warme Hand auf der Schulter spürte.
„Vielleicht wollte sie nur, dass du dich wohlfühlst und alle Sachen um dich hast, die dir etwas bedeuten.“ Schöne Worte und eine schöne Vorstellung, doch die letzten Jahre in Harolds Haus hatten Lily von solchen Erwartungen gänzlich befreit. Caitlin hatte keine Ahnung, wie kalt es in ihrem alten Zuhause wirklich gewesen war. Das hatte Lily nun endgültig hinter sich gelassen. Sie hatte nicht vor, jemals dorthin zurückzukehren. Als Lily in Caitlins Augen sah, glaubte sie Kummer zu erkennen, und eine große Sorgenfalte breitete sich über ihrer Stirn aus. Doch nur einen Wimpernschlag später war ihre Tante wieder ganz die Alte. Caitlin lachte auf und die roten Locken wippten dabei um ihren Kopf. Ihre Tante war eine dieser unglaublich glücklichen Frauen, die im Alter eher schöner zu werden schienen, als zu verwelken. Sie wirkte immer fröhlich und lebensfroh und mit ihr kam nie Langeweile auf.

In den großen, grünen Augen blitzte der Schalk, während sie vorschlug: „Was hältst du von einem Frauenabend? Wir könnten im Pub essen gehen und es uns danach hier zu Hause gemütlich machen? Ich will alles über die letzten Monate bei den Harolds wissen. Gibt es neue Gerüchte? Fruchtsäurepeelings, die schiefgegangen sind oder ähnliches? Vielleicht auch irgendwelche Skandale der Oberschicht, die ich nicht glauben werden kann?“ Lily stimmte in das Gelächter mit ein und die trüben Gedanken waren wie fortgewischt. Es ging gar nicht anders. Caitlins Lachen war einfach ansteckend. Sie packten die Bücher in das freistehende Regal und räumten die Klamotten in den Schrank. Alles in diesem Raum war hell und geräumig. Große Fenster machten den Ausblick auf den Wald frei und würden die Sonne ins Zimmer lassen, sollte es jemals aufhören zu regnen. Die Wände waren hier sonnengelb gestrichen und mit seltsam, verschlungenen Linien und Mustern verziert. Sie hatte sich hier immer besonders wohlgefühlt.

***

Am Abend, es schüttete nach wie vor noch wie aus Eimern, kamen Caitlin und Lily pitschnass nach Hause. Im Pub war es unnatürlich voll gewesen, vor allem in Anbetracht dessen, dass es mitten in der Woche war. Aber die Erklärung dafür war auf dem Fuße gefolgt: Über Weihnachten gab es Semesterferien und alle Studenten, die an der naheliegenden Uni studierten, genossen ihre freien Abende. Lily war froh, als sie sich endlich auf den Weg nach Hause gemacht hatten. Die vielen neuen Gesichter verunsicherten sie und sie sehnte sich danach, erst einmal anzukommen. Allerdings hatte sie Liam sofort angeboten, ihm ab morgen in der Bar zur Hand zu gehen. Das tat sie natürlich einerseits, um ihm etwas von seiner Großzügigkeit zurückzugeben, aber auch, weil sie es wirklich gern tat. Sie hoffte, so vielleicht schon ein paar Kontakte zu ihren zukünftigen Kommilitonen knüpfen zu können.

Zu Hause stellte Lily sich dann sofort unter die warme Dusche und spülte den Matsch und den Regen vom Körper. Vor allem versuchte sie die trüben Gedanken an die alte Heimat aus ihren Erinnerungen zu waschen.
Kurze Zeit später betrachtete sie sich im beschlagenen Spiegel. Ihre helle Haut fiel im Kontrast zu den schwarzen, langen, im Augenblick feuchten Haaren deutlich auf. Die Sommersprossen auf ihrer Nase waren nicht so eindeutig zu sehen, wie in den Sommermonaten, doch sie störten sie trotzdem. Am stärksten fielen jedoch die großen und tiefblauen Augen auf. Eigentlich waren sie so eindrucksvoll, dass jede junge Frau Lily darum beneidet hätte, doch bislang hatte Lily sie einfach nur verstecken wollen. Bei den Harolds waren sie nur ein weiteres Hilfsmittel gewesen, einen reichen, heiratswilligen Junggesellen der oberen Schicht zu ergattern. Das war etwas, wogegen sich Lily seit ihrer Jugend gewehrt hatte.

Also tat sie, was sie konnte, um nicht aufzufallen. Sie hatte eine dieser dicken Hornbrillen getragen, die mit dem dicken, schwarzen Rand. Sie hatte das lange Haar tiefschwarz gefärbt und zu einem Zopf zusammengebunden. Die Kleidung war immer viel zu weit gewesen. Sie war glücklicherweise noch nie mit einem großen Busen gesegnet gewesen, so brauchte sie den zumindest nicht verstecken. Ihre Gesichtszüge wirkten fein und die Stupsnase schmeichelte ihrem Gesicht nur noch mehr. Doch auch mit Make-up hatte sie da so einiges verbergen können. Sie trug eine Maske und war sich noch nicht sicher, ob sie schon bereit war diese hier abzulegen. Ihr einziges Ziel war es immer gewesen, nicht weiter besonders zu sein.

Doch langsam reifte der Entschluss in ihr heran, mutig in ihr neues Leben zu treten. Sie brauchte keine Angst mehr vor Heiratsanwärtern haben, die ihre Mutter ihr aufdrängen wollte. Nein, sie wollte erst noch herausfinden, wo sie auf dieser Welt hingehörte. Wenn sie sich jetzt nicht von dem Menschen, der in London erwartet worden war, löste, dann würde sie auch hier weiter in ihrem selbst errichteten Gefängnis sitzen. Entschlossen wischte sie alle restlichen Spuren des schwarzen Kajalstiftes fort, warf das viel zu teure Make-up in den Mülleimer und trocknete ihre feuchten Haare. Dann ergriff sie die Kette, die sie vor der Dusche abgenommen hatte, und legte sie sich um den Hals. So sehr sie ihre Mutter auch dafür verachtete, was sie darstellte und wie wenig sie eine echte Mutter für sie gewesen war, so wenig konnte sie sich von diesem Erinnerungsstück trennen. In Lilys Erinnerungen hatte Jane ihr diese Kette umgelegt. Ihre Finger schlossen sich fest um den Anhänger, der die Form einer Lilie hatte. Auf der Rückseite waren nur zwei Worte eingraviert worden: ‚In Liebe‘. Dieses Erinnerungsstück würde sie an die Mutter denken lassen, die sie gehabt und vor langer Zeit verloren hatte. Lily wusste, sie würde Jane immer lieben und sie wünschte sich, dass ein Teil ihrer Mutter sie auch lieben würde. Nur im Schlafanzug machte sie sich zufrieden auf die Suche nach Caitlin und der versprochenen Packung Vanilleeis.

***

2. Träume

Während Lilys erster Tage in Plymouth regnete es ununterbrochen, was es ihr beinahe unmöglich machte, ins Freie zu gehen. Genau genommen tingelte sie bloß in Liams Geländewagen zwischen ihrem neuen Zuhause und dem Pub hin und her. Einmal war sie mit Caitlin in den nahegelegenen Einkaufsmarkt gefahren, um Lebensmittel zu kaufen. Es störte Lily überhaupt nicht, dass sie nichts weiter erlebte. Sie genoss einfach die Ruhe, die sie umgab. Es gab keine seltsamen Gespräche, die sie über das Handy fremder Leute mit anhören musste, keine Schlägereien oder Eifersuchtsszenen. Aber vor allem gab es kein albernes Gekicher, während die Ladys der feinen Gesellschaft den neuesten Klatsch und Tratsch austauschten. Dafür schien sie überaus willkommen in der kleinen Gemeinde zu sein, in der Caitlin und Liam schon so lange wohnten. Jede Person, die sie traf, begrüßte sie überschwänglich und nannte sie beim Namen. Selbst im Pub, wo sie regelmäßig aushalf, fühlte sie sich ungewohnt wohl. Alle waren freundlich zu ihr und keiner wollte sie anbaggern oder stellte irgendwelche unangenehmen Fragen. Lily war einfach nur glücklich und freute sich auf jeden neuen Tag, bevor sie abends in einen tiefen Schlaf fiel.

Allerdings waren ihre Träume nach wie vor unruhig und verwirrend. Sie träumte immer noch von dem fremden Mann, der sie anstarrte und auf sie zuging. Lily konnte nicht viel über ihn sagen, außer, dass ihn eine düstere Aura umgab. Nach jeder Begegnung mit ihm fühlte Lily sich seltsam aufgekratzt. Es war, als sei ihr etwas Entscheidendes entgangen, was zum Greifen nahe gewesen war. Dieses Gefühl war nach einem schwarzen Kaffee am Morgen aber meist wieder verflogen und sie stürzte sich in einen neuen Tag.
Die Stimmung zu Hause schien jedoch mit jedem Tag, den Lily dort verbrachte, abzukühlen. Caitlin und auch Liam gingen äußerst behutsam mit Lily um und sie schienen wirklich froh darüber zu sein, dass sie bei ihnen war. Doch sobald sie annahmen, dass Lily in eins ihrer Bücher abgetaucht war, stritten sie über alles Mögliche. Lily hatte ein paar Mal versucht zu lauschen, doch sie verstand nicht, worum es ging. Sie hatte nie zuvor solche Unstimmigkeiten zwischen Caitlin und Liam bemerkt. Die zwei Wochen, die sie jedes Jahr hier verbracht hatte, waren sicher nicht ausreichend gewesen, um das wirklich beurteilen zu können. Einmal hatte sie Caitlin gefragt, ob alles in Ordnung sei und ob ihr Streit etwas mit ihr zu tun hätte. Da war Caitlin so bestürzt gewesen, dass sie Lily den ganzen Tag über versichert hatte, dass sie glücklich waren, sie bei sich zu haben. Danach hielt Lily sich gänzlich im Hintergrund und zwang sich jeden Streit einfach zu überhören.

Am Silvestermorgen herrschte allgemeine Betriebsamkeit. Das Pub veranstaltete eine Party mit Livemusik und daher gab es noch tausend Dinge, die erledigt werden mussten. Lily und Caitlin waren voll eingespannt. Bisher hatte Lily kein großes Interesse an diesem Feiertag gehabt. Hier jedoch, in der neuen Welt und der neuen Zukunft, freute sie sich auf ihren persönlichen Neustart. Sie fuhr mit Liam in den Pub, um die Band beim Aufbau der Boxen und Mikrofone zu bewachen. Liam kaufte währenddessen noch einige Schnapsvorräte ein. Ein Transporter stand bereits vor der verschlossenen Tür, als Lily mit ihrer übergezogenen Kapuze aus Liams Auto stürzte. Sie schloss den Laden auf, bevor sie bis auf die Unterwäsche nass würde. Die Bandmitglieder kletterten ebenfalls in Windeseile aus dem Auto und stürmten in gleichem Tempo auf die geöffnete Tür zu. Lily schaltete alle Lichter an und öffnete einige Fenster, damit der Rauch vom vorangegangenen Tag abziehen konnte. Geschäftig ließ sie Wasser in das Spülbecken ein, um ein paar Aschenbecher ausspülen zu können und achtete nicht auf die ein- und ausgehenden Menschen. Erst als eine glockenhelle Stimme sie direkt ansprach, sah Lily auf und erstarrte.

Vor ihr stand die Frau aus dem Zug. Sprachlos starrte Lily sie an und registrierte erst am Ende des Satzes, dass sie mit ihr gesprochen hatte. „Entschuldige … ich war … nicht ganz …“
„Bei dir?“, half sie belustigt nach. Lily nickte und sah das freundliche Lächeln auf dem Gesicht der Fremden. „Das Wetter macht mich auch ganz rammdösig …“ Sie grinste nur, während Lily sie immer noch anstarrte. Sie hatte hellbraunes Haar, tiefgrüne Augen, die beinahe unnatürlich wirkten, und ein freundliches Gesicht. Sie wirkte auch aus der Nähe, nicht wie eine klassische Schönheit. Aber ihre Ausstrahlung war derart anziehend, dass ihr Erscheinungsbild Lily regelrecht lähmte. Neben ihr fühlte sie sich selbst vollkommen unscheinbar. „Ich hätte gern ein Wasser, wenn ich schon hier bleiben könnte?“

Wie selbstverständlich griff Lily nach einem Glas und einer Flasche Wasser. „Nun, die Party beginnt erst in ein paar Stunden, wenn du so lange warten willst …“
„Ach, das Wichtigste hab ich natürlich gar nicht erwähnt. Ich sagte ja … rammdösig. Ich helfe euch heute Abend! Ich gehöre zur Crew. Ich bin Ciara“, stellte sie sich gutgelaunt vor.
Irritiert heftete Lily den Blick auf einen Punkt hinter ihr. „Davon hat mein Onkel mir gar nichts erzählt.“
Einen Augenblick lang schien Ciara zu zögern, doch dann sagte sie: „Liam und ich haben das erst gestern Abend festgemacht. Wahrscheinlich hat er es in der Hektik vergessen zu erwähnen.“ Lily nickte, bis ihr einfiel, dass sie sich selbst noch gar nicht vorgestellt hatte. Als könnte Ciara Gedanken lesen, kam sie Lily zuvor: „Du bist also Lilien, Liams Nichte. Ich glaube, wir sind uns schon im Zug begegnet, oder?“
„Lily … nenn mich einfach Lily. Ja, du bist mir auch aufgefallen.“
„Wie witzig, du mir auch. Wenn das mal nicht auf eine großartige Freundschaft hoffen lässt“, sagte sie grinsend und prostete ihr dann mit dem Wasserglas zu. Sie plapperte sogleich weiter, während die Band damit fortfuhr, die Kabel an die Boxen anzuschließen. Lily konnte sich Ciaras Wesen nicht entziehen, ganz ähnlich wie bei ihrer Tante. Sie erzählte von der Uni, auf die Lily in wenigen Tagen auch gehen würde.

Erleichtert stellte sie fest, dass Ciara wohl den gleichen Studiengang gewählt hatte. Englische Literatur und Mythologie.
Legenden und Sagen hatten Lily immer schon fasziniert. Sie hatte sich seit Jahren tief in ihnen vergraben, um aus der konservativen Welt zu flüchten. Die beiden Frauen bereiteten gemeinsam die Gläser aus dem Keller vor, damit sie später noch mit dem Spülen hinterher kommen würden. Dabei berichtete Ciara von ihrem Urlaub in London und konnte sich vor Begeisterung gar nicht mehr bremsen, was in Lily unangenehme Erinnerungen hervorrief. Sie hatte sich wohl etwas anmerken lassen, denn Ciara legte den Kopf schief und sah Lily forschend in das hübsche Gesicht.
„Dieses London, von dem du da redest, hab ich so nie kennengelernt“, erklärte sie kurz angebunden, spürte aber wie sie innerlich ruhiger wurde. Sie legte eine Hand auf Ciaras Arm, um sie daran zu erinnern, dass sie weiterarbeiten mussten. Augenblicklich tauchten bei dieser Berührung Bilder vor Lilys innerem Auge auf. Eine grüne Wiese mit zwei kleinen Mädchen in langen Kleidern, die lachend Fangen spielten.

Sie sah einen Garten voller Lilien, ein Gesicht, das sie schon gesehen zu haben glaubte und ihr so seltsam vertraut vorkam. Lily zog die Hand sofort zurück, als hätte sie sich verbrannt. Erstaunt und wie zur Salzsäule erstarrt, sah sie erst auf ihre Hand, dann auf Ciara und wieder auf ihre Hand. Ein betont unschuldiger und fragender Ausdruck stand Ciara ins Gesicht geschrieben. Lily hatte etwas gesehen. Etwas gesehen, was nicht normal war, was man normalerweise nicht sah, wenn man jemanden einfach nur berührte.

„Das war seltsam“, murmelte sie lahm und Ciara musterte sie interessiert.
„Nur ein Stromschlag. Ich hab ihn auch gespürt. Wir sind wohl beide elektrisch aufgeladen gewesen“, sagte sie und schwebte damit förmlich an ihr vorüber. Misstrauisch sah Lily der neuen Freundin hinterher. Irgendwas stimmte hier nicht. Was war nur los mit ihr? Drehte sie jetzt völlig durch? Oder verlor sie den Verstand? Doch dann kam Liam zu ihr herüber und unterbrach die wirren Gedanken.
„Alles Okay bei dir, Lily?“ Er wirkte so erleichtert, als er die frisch gespülten Gläser auf dem Tisch stehen sah, dass er Lilys Grübelei vertrieb. „Ich kann nicht verstehen, wie deine Mutter dich gehen lassen konnte.“ Er drückte sie kurz und rau an sich und gab ihr einen Kuss auf das Haar. Lily lächelte über seine Zuneigungsbekundung. Anschließend verschlossen sich Lilys Gedanken wieder vor ihm und sie wandte sich der Arbeit zu, die noch zu erledigen war. Sie würde eben immer ein Freak bleiben, egal, wo sie nun lebte.

***

Später, in all dem Trubel und dem Lärm, blieb Lily keine Zeit mehr, sich näher mit dem Geschehenen zu beschäftigen. Ciara scherzte nach wie vor mit ihr herum. Allerdings achtete sie penibel darauf, Lily nicht mehr zu nah zu kommen, sodass sie wusste, dass sie sich das nicht alles bloß eingebildet hatte. Doch der Andrang im Pub war riesig, alles war laut und undurchschaubar, sodass Lily keinen Moment Zeit hatte, ihren Gedanken nachzuhängen. Der Zigarettenqualm vernebelte ihr zusätzlich die Sicht und sie kam mit der Getränkebestellung kaum noch hinterher. Liam und Caitlin begrüßten die ältere Gesellschaft, die mittlerweile am Tresen saß, freundschaftlich. Ciara hingegen schien jeden jungen Menschen im Pub mit Namen und der dazugehörigen Hintergrundgeschichte zu kennen. Am Anfang, als noch nicht so viel los gewesen war, hatte sie Lily noch aufgeklärt, wer eine Zicke, eine Sportskanone oder wer einfach ein liebenswerter Nerd war. Lily war der Kopf fast geplatzt, während sie sich weiter bemühte, aufmerksam zuzuhören. Doch als der Andrang so groß und unübersichtlich wurde, wusste sie die sture Arbeit am Zapfhahn zu schätzen.

Lilys Aufmerksamkeit wurde trotz der Menschenmenge um sie herum, auf eine Gruppe von jungen Erwachsenen gelenkt, die gerade das Pub betraten. Zuerst konnte sie nicht genau sagen, was sie an sich hatten, dass Lily sich dazu entschlossen hatte, ihre selbst erschaffene Blase zu verlassen. Die Gruppe bestand aus ein paar Männern und einer Frau, etwa im gleichen Alter wie sie selbst. Sie trugen alle Kapuzen wegen des Regens, sodass Lily kaum ein Gesicht richtig erkennen konnte. Was sie allerdings sehen konnte, war, dass Ciara auf sie zuschoss und eindringlich auf einen der Männer einredete. Es schien als würde sie mit ihm streiten. Er hatte Lily den Rücken zugewandt und sie bat im Stillen, dass er doch nur kurz zu ihr hinüberschauen sollte. Ein Teil in ihr flehte förmlich darum, einen Blick auf ihn erhaschen zu dürfen.

Dann versteifte sich seine Gestalt, als hätte er etwas Schockierendes entdeckt. Ciara hielt mitten im Wortschwall inne und sah an ihm vorbei direkt in Lilys Augen. Was in ihrem Gesicht abzulesen war, konnte Lily nicht sagen. Irritation? Unglaube?
Lily war nicht imstande den Blick von der verhüllten Person abzuwenden, selbst wenn sie es gewollt hätte. Doch er wandte sich nicht zu ihr um, sondern sah so rasch über die Schulter zu ihr hin, dass Lily im Gegenzug nichts von ihm erkennen konnte. Er sagte etwas zu Ciara, was diese aber nicht weiter kommentierte und stürmte unvermittelt, ja beinahe fluchtartig, aus dem Pub. Lily fühlte sich peinlich berührt, weil sie ihn so angestarrt hatte. Beschämt sah sie sich um und erkannte, dass sie sich im Fokus aller Gäste befanden. Im nächsten Augenblick war die Gruppe auch schon dabei, sich weiter durch die Menschenmenge zu arbeiten und Lily stieß den angehaltenen Atem aus. Sie legte die Hand über ihr wild klopfendes Herz und schloss für einen Moment die Augen. So aufgewühlt hatte sie sich noch nie gefühlt.

‚Das waren genug seltsame Dinge für einen Tag‘, dachte Lily und versteifte sich kurz, als Caitlin ihr einen Arm über die Schulter legte.
„Mach mal eine Pause! In einer Stunde ist der Jahreswechsel und du solltest vorher noch etwas Kraft tanken gehen.“ Dankbar für die herbeigesehnte Ablenkung nickte Lily und machte sich auf den Weg zum Hinterhof. Sie brauchte jetzt wirklich dringend frische Luft, um den Kopf zu klären. Sie zog sich nur schnell eine Jacke über. Bei dem Chaos im Aufenthaltsraum wusste sie nicht mal, ob es die eigene Jacke oder die von Caitlin oder Ciara war, die sie sich gegriffen hatte. Lily störte das aber auch nicht weiter, deshalb öffnete sie die stabile Eisentür zum Hof und sog sofort die kühle Luft in die Lungen. Das tat gut! Die Kapuze schützte sie vor dem nassen Wetter und sie atmete ein paar Mal tief durch. Der Regen prasselte nur so auf sie nieder und Lily schnaubte verächtlich. Ob es hier jemals aufhören würde zu regnen?

Der Hinterhof war klein und beherbergte die üblichen überfüllten Mülltonnen. Einige leere Fässer standen ebenfalls herum und es roch nach schalem Bier. Unwillkürlich stieg Übelkeit in ihr auf und Lily spürte, dass sie nicht mehr allein war. Es war bloß ein Gefühl, aber das ließ ihre Nackenhaare aufrichten. Die Dunkelheit um sich herum nahm Lily nur zu genau wahr und sie wich instinktiv zur Tür zurück. Sie griff nach dem Metallknopf der Tür und zog daran, doch nichts tat sich. Das konnte doch nicht wahr sein! Lily war schon mehrfach an dem Abend hinausgegangen, um den Müll zu entsorgen und da war die Tür immer auf gewesen.
‚Nicht im Ernst?! ‘, dachte sie und wurde eine Spur panischer. Auf ihren Sarkasmus war stets Verlass, etwas, was ihre Mutter an ihr gehasst hatte. „Entweder hast du etwas Sinnvolles zu sagen, oder du hältst deinen Mund, junges Fräulein!“, waren Janes Worte gewesen. Das „junge Fräulein“ hatte Lilys Brechreiz besonders auf die Probe gestellt. Um sich der eigentlichen Problematik zuzuwenden … was sollte sie jetzt tun? Hatte Liam nicht etwas von wilden Tieren gesagt? Und verletzten Menschen? Nun doch panisch rüttelte sie weiter am Türknopf und

Lily brach unter der Jacke der Schweiß aus. Da vernahm sie auf einmal ein Rascheln. Natürlich. Ganz wie im Horrorfilm. Sie hielt bei dem Versuch inne, die verriegelte Tür aufzubekommen, weil sie wusste, dass dieses Vorhaben sowieso aussichtslos war. Dann hörte sie ein seltsam schlurfendes Geräusch und wandte sich, all ihren Mut zusammenraffend, um. Ihre Augen konnten jedoch nichts in der Dunkelheit erkennen und sie machte sich gedanklich eine Notiz, Liam den Hinweis zu geben, dass Licht auf einem dunklen Hinterhof immer eine gute Idee war. Augenblicklich erahnte sie eine, nein zwei Personen, die sich auch noch auf sie zubewegten. Zwei dunkle Gestalten, deren Umrisse nur schemenhaft zu erkennen waren. Wie pathetisch. Glühende Hitze brannte plötzlich auf ihrer Haut, nur knapp unter ihrer Halsmulde. Lily griff an die Stelle und bekam die Kette zu fassen. Die Lilie brannte auf ihrer Handinnenfläche und leuchtete hell.
„Was zum Teufel …?“, begann sie, erinnerte sich dann jedoch an die nahende Bedrohung und stöhnte innerlich auf.

Wie konnte ihr hier nur so etwas passieren? Immerhin war sie einigermaßen unbeschadet aus London herausgekommen. Waren da Gewaltverbrechen nicht wesentlich häufiger an der Tagesordnung? Aber nein, auch das war typisch für Lily. Es schaffte sicher kein anderer, sofort die Verbrechensrate der kleinen Stadt hochzujagen. Lily musste einen hysterischen Lachanfall niederkämpfen. Auch das entsprach ganz ihrem Charakter. Sie lachte in den unpassendsten Momenten, wie auf Beerdigungen oder kurz bevor sie von zwei dunkel gekleideten Verbrechern umgebracht wurde. Doch irgendwo hatte sie mal gehört, dass es immer besser war, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen, genauso wie bei aggressiven Hunden.

Sie bemühte sich um einen festeren Stand und hielt Ausschau nach etwas, das sie nutzen konnte, um sich zu wehren. Da war jedoch nur Caitlins knallbunter Regenschirm, den sie dort offenbar stehen gelassen hatte. Ob der sich als Waffe eignen würde? Ein erneuter Lachanfall kämpfte sich an die Oberfläche, als Lily im Geiste die Überschrift eines Zeitungsartikels durch den Kopf schoss: Frau schlägt zwei Vergewaltiger mit knallbuntem Regenschirm nieder. Nichtsdestotrotz umfing sie den Schirm fest. Die vermummten Gestalten redeten in einer fremden Sprache miteinander. Lily konnte sich nicht erinnern, eine solche Redeweise jemals gehört zu haben, denn sie bestand eher aus zischenden und rollenden Lauten. Sie waren zudem sehr leise gesprochen, sodass sie schon versucht war, die Beiden aufzufordern, doch bitte deutlicher zu sprechen. Das tat sie natürlich nicht. Sie war ja nicht lebensmüde, nur sarkastisch. Stattdessen hielt sie den Schirm abwehrend vor den Körper. Die Gestalten blieben unerwartet stehen und Lily beflügelte das Gefühl, Eindruck gemacht zu haben.

Dann ging alles ganz schnell. Eine dritte Person baute sich wie aus dem Nichts zwischen ihr und den Fremden auf und sprach in einer ganz ähnlichen Art mit ihnen, allerdings viel lauter, beinahe wütend. Irgendwas an der Gestalt wirkte so vertraut … und als diese eine Art Schwert zog, flüchteten die beiden anderen Wesen rasch. Erleichterung überkam Lily tief aus dem Innern. Ihr Verstand warnte sie jedoch. Schließlich wusste sie nichts über den Fremden vor ihr. Womöglich war das der eigentliche Mörder und er hatte nur die wahren Helfer in die Flucht geschlagen. Doch plötzlich verspürte sie die Anziehung, der sie heute schon einmal begegnet war. Ähnlich der Anziehungskraft, die sie zum Wald zog oder der, die sie in ihren Träumen bemerkte. Irgendetwas zog Lily zu ihm hin und augenblicklich wusste sie, wer da stand. Sie konnte nicht sagen, wie er aussah oder wie er hieß. Als er sich dann schließlich umwandte, sie ansah und auf sie zukam, stockte ihr der Atem. Fassungslos starrte sie auf das Bild, das sich ihr bot.

Genau das, … genau dieses Bild hatte sie ständig in ihren unzähligen Träumen gesehen, so viele Male schon. Sie blickte dem Mann entgegen. Wie war das nur möglich? Langsam löste sich die Anspannung und sie machte einen Schritt auf ihn zu. Doch Lily erinnerte sich daran, was jedes Mal in ihren Träumen geschah, wenn sie auf ihn zugehen wollte, und hielt inne. Sie hörte ihn fluchen. Dann sah sie, wie er in seine Tasche fasste und sie einen Moment lang einfach nur ansah, bevor er ihr etwas ins Gesicht pustete. Dabei murmelte er wieder eine Menge seltsamer Worte und um Lily verfinsterte sich die ganze Welt. Ihre Beine gaben nach, sodass sie nach hinten fiel und hart mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Kurz öffnete sie noch einmal die Augen, als sein Gesicht über ihr auftauchte und auf sie heruntersah. Sie erkannte graue Augen und helle Haare, die unter der Kapuze hervorlugten. Dann wurde alles um sie herum schwarz – so schwarz wie die endlose Nacht.

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