Leseprobe XXL: Dark Ages – Königin der Feen

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Prolog

Sie klammerte sich an seine Hand und war noch nicht bereit, ihn gehen zu lassen. Es wäre vielleicht einfacher gewesen, wenn sie nicht gewusst hätte, dass sie ihn nie wiedersehen würde. Dies war ihr letzter, gemeinsamer Augenblick. Ein vertrautes Gesicht tauchte neben ihr im Meer auf, doch sie erschrak kaum.
„Lasst los, Prinzessin! Lasst ihn gehen!“, hörte sie daraufhin jemanden sagen. Dann geschah es. Sie ließ ihn los und blieb im hüfthohen Wasser stehen. Ihr Blick folgte den Bahren über den endlosen Ozean und die leise, traurige Musik im Hintergrund klang durch ihren gesamten Körper. Sie fühlt sich taub und seltsam gefühllos. Ganz so, als wäre sie nie wieder fähig, etwas zu empfinden außer dem unerträglichen Schmerz. Sie hörte das Signal dumpf in den Ohren klingen, so als sei sie selbst unter Wasser. Sie sah die Feuerpfeile über sich hinwegfliegen, beobachtete, wie sie die Bahren trafen und schließlich, wie diese in Flammen aufgingen. Der Schmerz überwältigte sie und alles wurde schwarz.

***

1. Das Glück der Erde …

Ein irres Lachen riss sie aus dem Schlaf.
„Eure Hoheit? Prinzessin Lilien?! … Lily?“ Ruckartig öffnete Lily die Augen und richtete sich im Stuhl kerzengerade auf. Sie blickte sich um und streifte die Gestalt ihres Mentors, der sie betont streng ansah. Das Zucken seiner Mundwinkel konnte er jedoch nicht ganz unterdrücken.
„James …“, murmelte sie und sackte sofort in sich zusammen. Lily rieb sich über das Gesicht und sah so zerknautscht aus, wie James sich seit Tagen fühlte. Sein alter Körper war es nicht, der vor Müdigkeit beinahe schlappmachte. Es war sein Geist, der nun nach und nach resignierte. Nach all den Jahren, die er jetzt schon lebte, war er es manchmal leid, diese Welt retten zu wollen. Er wünschte sich oft, einfach alles sausen und den Dingen seinen Lauf lassen zu können. Doch dann überraschte ihn diese junge Fee wieder mit ihrer einzigartigen Art und erinnerte ihn daran, dass es sich zu kämpfen lohnte. Es war nicht einmal ein halbes Jahr vergangen, seit er Lily im Zug von London nach Cornwall gegenübergesessen hatte.

Damals hatte er eine gequälte junge Frau vor sich gesehen, die das Leben größtenteils verachtet hatte. Sie hatte ihrem Äußeren keine große Bedeutung beigemessen und sich stets hinter einem dicken Wälzer versteckt. Seither hatte sich so einiges verändert. Lily steckte ihre Nase mittlerweile nicht mehr bloß in Bücher, sie schlief sogar auf ihnen ein. Sie trug ihre Kleidung nicht mehr in Übergröße und hatte sich auch von den schwarzgefärbten Haaren, den dunkelumrandeten Augen und den hochgeschnürten Stiefeln getrennt. Dennoch wusste James nicht, wann sie zuletzt etwas anderes als die Kriegerkleidung getragen hatte. All das machte Lily zwar viel sympathischer, aber das Problem war ein wesentlich Größeres. Sie selbst wollte einfach keine Prinzessin sein. Sie wollte die Tage lieber in bequemer Lederkleidung verbringen und sich in jeden Kampf stürzen, der sich anbahnte. Lily hatte erst durch ihn und die restliche Gruppe von ihrer wahren Herkunft erfahren. Sie war König Kians Tochter und somit Prinzessin des grünen Zirkels im Sagenland.

Doch sie war für die Feen so vieles mehr als nur ein weiteres Mitglied der königlichen Familie. Sie war Guineveres Nachfahrin. Somit war sie die prophezeite Prinzessin, die Elfen, Gelehrte und Feen vereinen und Frieden über das Sagenland bringen sollte. Eine unglaublich lange Zeit entsprangen dieser Blutlinie nur männliche Feen, bis König Kian endlich eine Tochter bekam und sich die Prophezeiung erfüllen konnte. Doch nicht jeder im Sagenland war Lily wohlgesonnen. Die dunkle Fee Megan hegte einen uralten Groll gegen Lilys Vorfahrin und trachtete ihr deshalb nun selbst nach dem Leben. Sie hatten Lily heimlich über einen beschwerlichen Weg in den grünen Zirkel gebracht, und ein jeder von ihnen war dem Tod nur knapp entkommen. Doch Lily hatte mehr als einmal bewiesen, dass sie jedes Risiko wert gewesen war. Sie hatte ihnen beigestanden und tat alles, um sie zu unterstützen, wo sie nur konnte.

Amüsiert ging James auf den Schreibtisch zu, an dem Lily gerade geschlafen hatte. Man konnte vieles über Lily sagen, aber Faulheit traf ganz sicher nicht auf sie zu. Eine solch emsige Schülerin hatte er noch nie zuvor gehabt. Von früh bis spät arbeitete sie an sich. Sie war entschlossen, alles, was sie in den vergangenen Jahren versäumt hatte zu lernen, sich selbst beizubringen.
„Sag mir, hast du etwa hier die Nacht verbracht?“, fragte James und fügte lächelnd hinzu. „Schon wieder?“
Lily reckte sich und ließ den Blick durch das Bibliotheksfenster auf das weite Meer hinausschweifen. „Sieht wohl ganz so aus“, murmelte sie gähnend.
James schaute kurz auf den Bücherberg, auf dem sie geschlafen hatte. ‚Unterwasserwesen und ihre Fähigkeiten‘, ‚Magie der Druiden‘ und ein Buch, dass er nicht weiter identifizieren konnte. „Wann wirst du jemals wieder ordentlich schlafen?“, fragte James vorsichtig. „Ich meine so richtig?“ Kian, Lilys Vater, hatte vor ein paar Tagen eine wahre Schimpftirade von seiner Tochter ertragen müssen. Er hatte nur vorgeschlagen, dass Lily mit dem Training und Studien etwas langsamer machen sollte.

James mochte schon sehr alt und erfahren im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht sein, aber Lilys Temperament und ihre daraus resultierenden Wutausbrüche, waren nicht zu unterschätzen. Sie waren bisher sehr kurzweilig, aber dafür umso heftiger. James musste an Kians Gesichtsausdruck denken und sich ein Grinsen verkneifen. Eine Tochter großzuziehen, war alles andere als einfach und Kian rollte in den letzten Wochen häufiger mit den Augen. Aber James hatte seinen König und Freund seit einer sehr, sehr langen Zeit auch nicht mehr derart glücklich gesehen. Er war so voller Lebensfreude. Es war schön, dem wachsenden Verhältnis von Vater und Tochter zuzusehen.

Es war mindestens genauso erstaunlich, Lily selbst zu beobachten und zu sehen, wie aus einer jungen Frau mit Feenblut eine wahre Feenprinzessin wurde. Sie lernte wirklich in jeder freien Minute. Ihre Leidenschaft für Bücher und, dass sie ohnehin ihre Nase in jedes Buch steckte, kam ihnen dabei sehr gelegen. Kian zeigte Lily jede Ecke des grünen Zirkels und demonstrierte ihr, was von einer Prinzessin dort erwartet wurde.
Ciara, Lilys so geliebte Freundin und Blutsschwester, half ihr zusätzlich, die Fähigkeiten und Gaben der Feen und Elfen besser zu unterscheiden. Naomi hingegen zeigte ihr, wie eine Prinzessin saß, aß, tanzte und nicht zuletzt, wie sie sich zu kleiden hatte. Lily hasste diese Zeit mit Naomi. Die Anwesenheit der jeweils anderen Fee war meist nur schwer zu ertragen. Die beiden hatten jedoch einen Weg gefunden, sich länger als einen Wimpernschlag in ein und demselben Raum aufzuhalten, ohne sich gegenseitig umzubringen.

Die Oberin von Avalon, die sich erst vor wenigen Wochen als Tochter von Guinevere und somit als Lilys Großmutter zu erkennen gegeben hatte, lehrte Lily darin, ihre Visionen und Gedanken zu kontrollieren. Die Fähigkeit war für eine Fee etwas äußerst Ungewöhnliches und doch trug diese besondere Gabe eine große Gefahr in sich. Die dunkle Fee Megan, die Lily, seit sie von ihrer Existenz erfahren hatte, umbringen wollte, war selbst eine große Telepathin und Lilys ärgste Feindin. Sie hatte nicht gezögert, dieses Talent gegen Lily einzusetzen.
James unterrichtete sie in der seltenen Sprache der Gelehrten, ebenso wie in Pflanzenkunde. Er erklärte ihr die Hintergründe der vielen mystischen Wesen, Legenden und Sagen aus ihrer Welt und nicht zuletzt die ihrer eigenen Geschichte. Lily mochte sich dessen nicht immer vollends bewusst sein, aber Guineveres Geschichte war ihre Eigene.

James wusste nur zu gut, dass dieser Unterricht Lily am schwersten fiel, was nicht zuletzt an Lilys Gefühlen für Rian, dem Krieger und Anführer des Zirkels, lag.
Eine Prophezeiung, die vor sehr vielen Jahren gemacht worden war, besagte, dass die Geschehnisse um Guinevere, Artus und Lancelot sich wiederholen würden. Es würde diese eine große Liebe geben, die alles vereinen oder zerstören könnte. Dass nur einer dieser Männer, das Herz der Prinzessin besitzen würde. Diese Voraussage machte aus den jungen Menschen im grünen Zirkel eine regelrechte Seifenoper. Auch jetzt sah James in Lilys große, tiefblaue Augen und erblickte, neben ihrem eisernen Willen, auch die tiefe Traurigkeit darin. Diesen Blick trug nur noch eine weitere Person zur Schau. Jedes Mal wenn er Rian ansah, nahm er den gleichen Ausdruck wahr, der ihm ganz und gar nicht gefiel. Er war so oft um Haltung bemüht, um nicht sein größtes Geheimnis preiszugeben, doch er wusste, dass der passende Zeitpunkt dafür noch nicht gekommen war. Er würde jetzt alles so viel schlimmer machen.

Dennoch trauerte er mit ihnen. Er litt auch mit Naomi, deren aufrichtige Liebe zu Rian niemals auf dieselbe Weise erwidert werden würde. Naomis Charakter würde womöglich die härteste aller Prüfungen bestehen müssen. Es war ein fürchterliches Liebes-Drama, das Shakespeare nicht besser hätte umschreiben können.
„James? Erde an James?“ Lily stand in ihrer Kriegerkleidung hinter dem Schreibtisch und wedelte mit ihrer Hand vor seinem Gesicht auf und ab. „Wer braucht wohl dringender eine Mütze voll Schlaf?“, fragte sie lächelnd und für den Moment war jeder Funke Kummer aus ihren Augen fortgewischt. Vor ihm stand wieder das Mädchen, das einen Lachanfall in seinem Büro bekommen hatte. James erinnerte sich gern an diesen Tag zurück. Lily war ganz und gar nicht die Prinzessin, die sie alle erwartet hatten. Sie hatte einen endlosen Hang, sich in Schwierigkeiten zu bringen, war tollpatschig und manchmal auch sehr unbeholfen. Doch sie besaß solch ein großes Herz, lehrte sie alle was Demut hieß und wie man anderen vergab. Sie benahm sich selten so, wie es die Etikette von ihr verlangte, aber sie war so echt, dass es ihr jeder durchgehen ließ. Sie hatte viel Mut bewiesen.

Nicht nur als Megan sie entführt hatte und sie sogar das Töten hatte lernen müssen. Während der ganzen Reise ins Sagenland hatte sie James zutiefst beeindruckt. Sie hatte keine Angst, sich schmutzig zu machen und wäre sicher um einiges glücklicher mit Naomis Position gewesen, als mit ihrer eigenen.
„Ich habe auch nicht allzu viel davon abbekommen. Das gebe ich zu“, James zuckte mit den Achseln und wirkte bedrückt.
„Ist es wegen Megan und der gruseligen Fertigkeit, ihre Gestalt zu wandeln?“, fragte Lily ihn möglichst beiläufig.
„Sie muss einen sehr dunklen Pfad eingeschlagen haben, wenn sie zu solch einer mächtigen Veränderung fähig ist. Leider ist mir davon bisher nichts bekannt gewesen“, murmelte James nachdenklich.
„Gibt es niemanden, den du danach fragen könntest?“, schlug Lily halbherzig vor.
„Nun …“
„Also gibt es jemanden? Wer ist es? Warum bittest du ihn nicht um Hilfe?“ James zögerte. Lily hatte genug Dinge, um die sie sich noch kümmern musste. Sein Vater war, ganz und gar, James eigenes Problem.
„Sag mal, hast du jetzt nicht deine Trainingseinheit mit Rian?“

Lilys blauen Augen wurden tellergroß und ein leichtes Rot zog sich, bei der Erwähnung von Rians Namen, über ihre Wangen. „Er ist schon wieder zurück?!“ Es klang nicht wie eine Frage, sondern eher nach einer Feststellung. Ihr Wesen veränderte sich schlagartig. Sie kämmte ihr Haar mit den Fingern durch und räumte hektisch die Bücher auf dem Tisch hin und her. Es war kein Zeichen von Müdigkeit mehr an ihr zu erkennen. Die Schatten um ihre Augen waren zwar noch da, aber sie wirkte so voller Energie und Leidenschaft, dass James sich jetzt noch viel, viel älter vorkam, als er es ohnehin war.
„Ich mach das schon, Lily. Geh und lerne reiten. Das wäre uns allen eine wahre Hilfe.“ Lily streckte ihm kurz die Zunge raus, grinste wie ein Lausbub und eilte hastig durch die Tür hinaus. Ein „Danke“ hallte ihm vom Flur noch entgegen, ebenso wie das Klirren von Porzellan. Da war Lily wohl wieder etwas zu stürmisch gewesen. James schüttelte amüsiert den Kopf. Die Liebe war etwas, worauf er nicht den geringsten Einfluss hatte – und das war gut so.

Lily stolperte über einen Wäschewagen, riss einen Garderobenständer um und grüßte dabei noch rasch die Köchin aus einiger Entfernung. Warum war sie nur ständig so unfreiwillig komisch? Es war, als zöge sie die Fettnäpfchen magisch an. Sie hatte einfach zu wenig geschlafen und bisher zu wenig Koffein getrunken, um diesen Mangel wieder ausgleichen zu können. Sie hatte vielleicht auch zu viele Dinge gleichzeitig im Kopf. Eventuell sollte sie mal eine Nacht eine Pause einlegen und tatsächlich einmal in ihrem Bett schlafen. Es war aber nicht so, dass sie das nicht jeden Abend ernsthaft vorgehabt hatte. Jedes Mal, wenn sie die Bibliothek mit einer heißen Tasse Kaffee in der Hand betrat, hatte sie die feste Absicht, nur noch zwei Stunden vor dem Schlafengehen zu lesen. Daraus wurde meistens jedoch nichts.

Es gab so viel über diese magische Welt zu erfahren und zu lernen. Die Feen und all die anderen Wesen im Sagenland, sogar die Elfen, waren unglaublich faszinierende Geschöpfe. Ebenso wie deren Geschichten, die individuellen Fähigkeiten und die daraus resultierenden Konsequenzen. Es war brillant, welche Anstrengungen die Gelehrten und die Oberhäupter der Feen und Elfen unternahmen, um das Sagenland vor den Menschen zu verbergen. Lily hatte so viel aufzuholen. Im Gegensatz zu den Kriegern ihres Vaters war Lily nicht mit dem Wissen um ihre wahre Herkunft groß geworden. So wusste sie praktisch nichts über ihre Heimat und die Art. Auch wenn Lilys Begeisterung für diese Welt real war, so war sie auch nicht der alleinige Grund für die Schatten unter ihren Augen.

Es war Rian. Alles war so schrecklich schwer wegen ihm. Er war alles, was sie antrieb oder auch zurückhielt. Die Anziehungskraft zu ihm war in den letzten Wochen, wenn das überhaupt noch möglich war, nur noch stärker geworden. Wenn er im Schloss war, musste Lily sich an andere Dinge klammern, um nicht zu ihm zu stürzen und ihn zu küssen, wie niemals zuvor. Alles in ihrem Innern schrie danach, dass sie bescheuert gewesen war, als sie sein Angebot, mit ihm fortzugehen, ausgeschlagen hatte. Ihr Herz mochte leiden, doch ihr Kopf wusste es besser.
Rian war in den letzten Wochen so oft es ging fortgewesen und Lily ahnte, dass er es ihretwegen tat. Er ließ sich kaum etwas anmerken und er war so kühl und distanziert zu ihr, wie noch nie zuvor. Er suchte nie ihre Nähe, sondern traf nur auf sie, wenn mehrere Leute anwesend waren. Er tat alles dafür, nicht mit ihr allein sein zu müssen.

Lily wusste, dass es so das Beste war – und trotzdem zerriss es sie innerlich. Nach allem, was sie gemeinsam erlebt hatten, war Rian derjenige, der ihr Halt gab. Er war es, der sie kannte und wusste, was sie fühlte, auch, ohne ihre Gedanken lesen zu können. Die Zeiten, in denen er fort war, waren noch viel schwerer zu ertragen. Sie hatte so entsetzliche Angst um ihn, dass sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Deswegen verbarrikadierte sie sich in der Bibliothek und versuchte an alles Mögliche zu denken, nur nicht an ihn. Dann brauchte nur jemand seinen Namen zu erwähnen und schon legte sich ein Schalter in ihrem Kopf um. Es war, als setze es eine Art Urinstinkt frei, den sie kaum kontrollieren konnte.

So ähnlich wie auch jetzt. Sie brauste um die Ecke und rannte in zwei Krieger ihres Vaters hinein, die ihr erst empört, dann entschuldigend hinterhersahen. Das war Lily jedoch alles vollkommen egal. Sie eilte die Flure entlang und stieß die Tür zum Garten auf, um zu den Ställen zu gelangen. Sie war so voller Vorfreude, dass sie jede Vorsicht vergaß, mit Rian nicht allein sein zu wollen. Doch das war sie auch gar nicht. Lily blieb abrupt auf dem Kies stehen und beobachtete die beiden absolut perfekten Wesen, die ebenfalls vor den Stallungen standen. Rian und Naomi waren nicht weit voneinander entfernt und hielten sich an einer Hand. Rian lachte ungezwungen, während Naomi ihr langes Haar über die Schultern warf und ihm Blicke zuwarf, die verboten gehörten. Da standen sie, als wäre es das Natürlichste auf der Welt, sich so anzusehen. Perfektion starrte Perfektion an. Lily wurde mit einem Mal klar, dass sie und Rian nie so zusammen ausgesehen hatten. Er hatte eine solch umwerfende Attraktivität. Lily hingegen verbrachte Stunden damit, um wenigstens das Vogelnest auf ihrem Kopf zu bändigen und etwas Farbe in ihre Wangen zu bekommen.

Sie sah vollkommen normal und unscheinbar aus. Von Naomi wollte Lily gar nicht erst anfangen. Diese Frau könnte jede Modelshow mit Leichtigkeit gewinnen und brachte jedem weiblichen Wesen Komplexe ein. Zusammen sahen sie aus, als seien sie füreinander geschaffen worden und plötzlich fühlte Lily sich wie ein Eindringling. Sie wirkten so vertraut miteinander. Alles war so einfach für die beiden und Lily hatte es nur unnötig kompliziert gemacht. Lilys Herz setzte aus, nur um im nächsten Augenblick heftiger zu schlagen und ihren Körper mit dem Gift der Eifersucht zu durchfluten.

„Lily“, rief da plötzlich jemand und durchkreuzte ihre Pläne, sich klammheimlich wieder zu verstecken. Lily biss die Zähne fest aufeinander und trat aus dem Schatten heraus. Sie sah die Person auf sich zu stolpern, der sie niemals hätte böse sein können. Es war Marie, die in einem knielangen, gelben Kleidchen auf sie zustürmte. Marie war die Schwester von Eric, einem Krieger des Zirkels, der Lily zuerst an Megan verraten hatte, um das Leben seiner Schwester zu retten. Zum Schluss hatte er sein Leben geopfert, um sie alle zu retten. Lily hatte ihm damals versprochen, sich gut um Marie zu kümmern.

„Sieh nur, sie ist fertig“, rief diese nun freudestrahlend und hielt ihr einen Stofffetzen entgegen. Sie rannte in Lilys Arme und ließ sich einmal von ihr im Kreis drehen, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Maries ganzer Körper vibrierte regelrecht vor Aufregung, als sie Lily etwas vor die Nase hielt. Es war eine selbstgefertigte Puppe aus Stoff, die Lily stark an einen Film auf der Erde erinnerte. Das hätte sie natürlich nie gesagt, was auch nicht nötig war, denn sie hörte Ciaras Lachen schon in ihrem Kopf.
„Sei dir nicht zu sicher. Wir wissen noch nicht, welche Gaben Mariechen hat.“ Ciara schritt ebenfalls stirnrunzelnd auf sie zu, während Lily das Kunstwerk angemessen lobte. Maries Augen glänzten vor Stolz und sie drückte die Puppe fest an ihre schmächtige Brust. Lily schloss kurz die Augen, weil sie Rian mit jeder Faser ihres Körpers zu sich herantreten fühlte. Ciara spürte Lilys Gefühlslage natürlich sofort und sah Lily forschend ins Gesicht.

„Was ist denn hier los?“, fragte Naomi gut gelaunt und riss Marie die Puppe aus der Hand, um sie sich genau anzusehen. Lily kam aus ihrer Hocke hoch und blinzelte gegen das Sonnenlicht, während sie versuchte, Rian nur ganz beiläufig anzusehen. Natürlich bannte dieser Anblick sie augenblicklich und Lily glaubte, sich nie wieder rühren zu können.
„Prinzessin“, begrüßte er sie kühl. Sein Kosename für sie hörte sich nicht mehr so intim und persönlich an, wie noch vor so wenigen Wochen zuvor.
„Du bist wieder zurück?“ Lily zwang sich, auf ihre Füße zu sehen.
„Wie du siehst …“ Sie brachte ein schwaches Nicken zustande. Da vernahmen sie Schritte und Garys tiefe Stimme rief: „Wenn du nicht in deinem Bett bist und nicht in meinem, Prinzessin … dann verlange ich zu wissen, mit wem du dich diese Nacht herumgetrieben … Rian! Oh, hi … Du hier …“ Gary blieb stocksteif stehen und kratzte sich verlegen am Hinterkopf, während Lily eine Hand gegen die Stirn legte und tief durchatmete. Dieses Talent mit den Fettnäpfchen war Gary, Lilys bestem Freund, auch nicht gänzlich fremd. In den schwarzen Hosen, den Stiefeln und dem weißen Shirt sah er, wie immer, ziemlich attraktiv aus. Lily fühlte sich jedoch überhaupt nicht zu ihm hingezogen. Er hätte locker ihr Bruder sein können. Diese Art, miteinander umzugehen, war für sie beide von Anfang an selbstverständlich gewesen.

„Also, ich bin erst vor einer Stunde zurückgekehrt … ich komme demnach nicht in Frage.“ Rians Ton wirkte lässig, doch sein Körper sprach eine andere Sprache. Er stand stocksteif neben Naomi und seine Augen waren so dunkel, wie nur selten. Lily hasste diese Spannungen zwischen Gary und Rian, musste sich aber eingestehen, dass sie sich sofort etwas besser fühlte. Zumindest war sie Rian offenbar nicht völlig gleichgültig.
Gary grinste unsicher und sah von Lily zu Rian, dann wieder zurück. „Nach der Buchkante auf Lilys Wange zu schließen, hast du wieder ein Nickerchen in der Bibliothek gemacht, richtig?“
Lily fuhr sich direkt mit den Fingerspitzen übers Gesicht und sagte ausweichend: „Elende Verräter, diese Bücher …“
„Du solltest wirklich mal eine Nacht in deinem Bett schlafen“, schlug Ciara vor. Allerdings hörte es sich ganz und gar nicht nach einem Vorschlag an.

„Oder wenigstens in Garys“, warf Rian grummelnd ein und Lily schenkte ihm einen bösen Blick.
„Schönheitsschlaf wäre äußerst angebracht“, stichelte Naomi auch noch und rief laut aus: „Hast du heute schon mal in den Spiegel gesehen, Lily? Was habe ich dir beigebracht? Mit diesen Augenringen siehst du wie ein Pandabär aus.“
Lily schnappte empört nach Luft. „Wie nett“, kommentierte sie bissig und taxierte Naomi.
Gary stellte sich neben Lily, legte einen Arm um ihre Schulter und sagte: „Ich finde dich wunderschön, gerade, weil du eine Welt zu retten versuchst, Kleines, und dir keine Gedanken um dein Aussehen machst.“ Lily lächelte zu ihm auf und genoss seinen Rückhalt. Naomi schürzte nur die Lippen und sah an Gary vorbei.
„Genau genommen sind es sogar zwei Welten“, korrigierte Ciara und stach dabei Gary einen Finger in die Rippen.
„Um sich in unserer Welt fortbewegen zu können, sollte die Prinzessin vielleicht nicht gleich jedes Pferd in die Flucht schlagen.“ Rian machte eine sarkastisch einladende Geste zum Pferdestall und marschierte, ohne auf Lily zu warten, darauf zu.

„Soll ich lieber hier bleiben, Kleines?“, flüsterte Gary in Lilys Ohr und genoss Rians mörderischen Blick, den er über seine Schulter warf, geradezu.
Sie schüttelte den Kopf und straffte entschlossen ihre Schultern. „Mit dem werde ich schon fertig …“, murmelte sie leise und vermied es, dabei Naomi anzusehen.

***

„Willst du stricken oder ein Pferd führen, Lily?“, brüllte Rian sie an und legte die Hände verzweifelt vor sein Gesicht. Er stieß einen Fluch aus, den Lily noch nie zuvor gehört hatte. Sie seufzte nur und sah starr an ihm vorbei. Eigentlich fand sie sich heute gar nicht so schlecht und ahnte schon, dass Rian sie nur bestrafen wollte. Es war nicht schwer, zu erraten, welche Laus ihm über die Leber gelaufen war. Lily verstand nicht, wieso er so wütend war. Zum einen musste er wissen, dass Gary niemals mehr für Lily gewesen war, und sein würde, als ein Freund und treuer Gefährte. Zum anderen hatte er selbst mit Naomi angebändelt. Lily war tief verletzt, und doch konnte sie nichts dagegen tun. Sie hatte ihn schlussendlich abgewiesen und konnte nicht erwarten, dass er nichts unternahm. Und mal ehrlich, welcher Dummkopf würde eine Fee wie Naomi, denn auch abweisen?

Plötzlich scheute das Pferd und Lily rutschte unachtsam hinten hinunter. Rian stieß einen weiteren Fluch aus, bevor er brüllte: „Wo bist du bloß wieder mit deinen Gedanken? Das wird so nie etwas!“ Lily blieb auf dem Rücken liegen und sah Sternchen vor ihren Augen tanzen, ganz so, als wenn man sich bückte und sich dann schnell wieder aufrichtete. Dann wurde alles jedoch pechschwarz.

Es war schwarze Nacht und man sah nur den runden, beinahe vollen Mond. Der Vollmond nahte. Sie blickte dem Horizont entgegen und musste das bittere Gefühl hinunterwürgen, dass sich ihr die Speiseröhre hinaufarbeitete. Ihr Herz blutete und sie hätte sich gern in die Bibliothek zurückgezogen, doch das war nicht möglich. Da sah sie auf, in ein paar intensivgrüne Augen, die sie seit einigen Wochen in ihren Visionen verfolgt hatten. Jetzt wusste sie auch warum. Er war es. Er lächelte und blickte auf sie herab. Plötzlich sah sie etwas am Himmel und hörte panische Schreie.

„Lily! Lily hörst du mich?“ Rians Stimme brachte sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Als sie die Augen öffnete, sah sie in grau-blaue Augen, die sie sorgenvoll musterten. Seine blonden Strähnen fielen ihm dabei tief in die Stirn und verdeckten sein schönes Gesicht. Lily sagte nichts und starrte ihn nur weiter an. „Lily, sag doch etwas!“, brüllte Rian ängstlich und Lily musste bei dem panischen Ausdruck lächeln.
„Autsch“, sagte sie nur und rieb sich den Rücken.
Rian stieß die angehaltene Luft aus und rollte dann mit den Augen. „Komm hoch, ich helfe dir.“ Rian griff Lily unter den Ellbogen, um sie zu stützen. Sie taumelte leicht und ließ sich dabei gegen Rian sinken. Es tat gut, ihn so nah an sich zu spüren.

„Ups!“, sagte er und lachte. Dann sah er ihr in die Augen und sein Blick wurde traurig. „Geht es dir wirklich gut?“, fragte er und Lily nickte, während sie ihm weiter in die Augen sah. Rian strich ihr das Haar hinter ein Ohr und verharrte mit den Fingerspitzen, länger als nötig, an ihrem Hals.
„Lily!“, riefen jetzt mehrere Stimmen gleichzeitig und zerstörten damit diesen Moment. Naomis Blick war alles andere als besorgt, doch Marie, Kay und Ciara wirkten alarmiert.
„Alles okay?“, fragten sie, wie aus einem Mund, und Lily winkte nur rasch ab.
„Sie ist vom Pferd gefallen und war bewusstlos“, erklärte Rian betont sachlich.
„Das heißt dann wohl, Schluss für heute und eine Vorstellung bei Gary und James“, entschied Kay und wollte Lily schon unter den anderen Arm greifen.

Doch Lily wehrte sich. „Nein, alles bestens. Wirklich …“
„Lily, damit ist nicht zu spaßen. Du solltest doch wissen, dass man nach einem Sturz auf den Kopf nicht …“, begann Ciara, bis sie die Bilder in Lilys Gedanken sah und große Augen machte. „Nein, es war nicht der Sturz“, erklärte sie den anderen und schob sich zu Lily durch. Sie umfing ihre schmale Gestalt und wollte sie in den Schatten führen.
„Eine Vision?“, fragte Kay überflüssigerweise und Ciara bedachte ihn nur mit einem bedeutungsschwangeren Blick.
Lily ließ sich jedoch nicht umherschieben und machte eine Geste, wie ein Polizist, der den Verkehr regelte. „Stopp!“
Ciara zog eine Grimasse. „Es würde mir besser gehen, wenn du nicht ständig die Heldin spielen müsstest, Lilien. Wenn du nicht um deinetwillen auf dich achtest, dann wenigstens mir zuliebe.“

Lily schaute Ciara nicht an und blockierte mit aller Kraft ihre Gedanken, um sie auszuschließen. „Ich sage, mir geht es gut. Wenn wir bei jeder Vision so einen Aufstand machen, dann käme ich zu nichts mehr.“
Ciara kniff die Augen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie streiten wollte. Ja, so nah sich die beiden Frauen auch standen, so gab es dennoch die ein oder andere Meinungsverschiedenheit, und Lily hasste diesen Teil ihrer Freundschaft. Sie war es nicht gewohnt, dass sich jemand um sie sorgte und sich einmischte. Das Schlimmste für sie war, dass sie plötzlich nicht mehr ausschließlich machen konnte, was sie wollte. Sie musste auf die Meinungen anderer Rücksicht nehmen – und zwar ständig. Tief in sich wusste Lily, dass ihre Verbündete Recht hatte. Doch sich selbst eine Schwäche einzugestehen, war nicht einfach, und noch viel weniger, wenn einem jeder dabei zusah.

„Du isst kaum was. Ich spüre jeden Knochen unter deiner Kleidung. Du schläfst nur noch in der Bibliothek und das auch nur, wenn du nicht ständig etwas lernen oder trainieren willst. Seit wann genau bist du so lebensmüde?“
Lily rollte mit den Augen und wurde Rians Anwesenheit unangenehm bewusst. „Ich bin kein Schwächling. Ich halte schon was aus!“
Ciara schlug einen sanfteren Ton an, um sie zur Vernunft zu bringen. „Du musst niemandem etwas beweisen, Lily.“
Das waren die letzten Worte, die Lily hören wollte. „Ich mag deine Verbündete sein und du magst meine Gedanken lesen können … aber wer gibt dir das Recht, sie auch noch laut zu äußern? Ich bin hier die Prinzessin! Ich entscheide selbst, Ciara.“

Ciara schnaubte genervt und wirkte auf einmal seltsam distanziert. „Gut, vielleicht hast du Recht, aber ich muss dir nicht dabei zusehen, wie du dich kaputt machst. Komm Marie!“ Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging zum Schloss zurück. Lily war erschrocken über sich selbst und zugleich wütend auf Ciara. Sie war sauer auf Kay, weil er bloß dastand und zwischen ihr und Ciara hin und her sah, unentschlossen, wem seine Loyalität gehörte. Und sie hasste den Gedanken, dass Rian und Naomi mehr waren, als Gefährten und Freunde.
„Geh schon, Kay“, sagte Lily leise und er wirkte wahnsinnig erleichtert darüber, dass sie ihm diese Entscheidung abgenommen hatte. Sofort rannte er seiner Freundin hinterher und Lily blieb mit Rian und Naomi allein zurück. Wundervoll! Sie schloss die Augen und griff sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger an die Nasenwurzel, um dem leichten Kopfschmerz entgegenzuwirken.
„Lass uns weitermachen“, murmelte Lily wild entschlossen.
„Ich denke, für heute ist erst mal Schluss“, entschied Rian und wirkte dabei so herablassend, dass Lily ihn gern geschlagen hätte.
„Wollt ihr nun, dass ich reiten lerne, oder nicht?“, maulte sie genervt und trat betont selbstsicher auf ihre Stute zu.

Es war zum Verrücktwerden. Sie und ein Pferd, das harmonierte einfach nicht. Doch hier im Sagenland gab es kein schnelleres Fortbewegungsmittel und Lily musste so sicher im Sattel sitzen können, dass sie allein von A nach B kam. Sie stieg um einiges gekonnter auf das Pferd, als noch vor wenigen Wochen. Doch danach war alles eine Grauzone. Sie erinnerte sich vage an ein paar Techniken, dann hatte ihre Angst sie fest gepackt.
„Lass es gut sein, Prinzessin. Du solltest dich ausruhen und ich mich auch.“
„Hast du Angst mich zu erwürgen, wenn ich deine Nerven weiter strapaziere oder eher, dass Ciara dir was antut, wenn du nicht nach ihrer Pfeife tanzt?“

Rian kratzte sich verlegen am Hinterkopf und antwortete: „Ein bisschen von beidem, ehrlich gesagt.“
„Feigling! Was hat es da eigentlich für einen Sinn, die Prinzessin zu sein? Auf mich hört doch sowieso keiner!“, beschwerte Lily sich frustriert, sah ihm aber an, wie erschöpft er war. Warum war ihr das nicht eher aufgefallen? Weil sie zu sehr mit der Liebelei zwischen ihm und Naomi beschäftigt gewesen war, und mit all dem anderen Zeug in ihrem verdammten Leben.
„Das sind nur Maßnahmen, um dich vor dir selbst zu schützen“, beschwichtigte Rian jetzt ungewohnt ernst und Naomi räusperte sich vernehmlich.
„Ich glaube, dein Typ wird verlangt. Ruh dich aus“, sagte Lily und vermied es, ihn noch einmal anzusehen, aus Sorge, ihm ihre Gefühle damit zu offenbaren.
„Bist du sicher?“ Rian zögerte verunsichert.
„Geh und leg dich schlafen.“ ‚Allein! ‘, fügte sie gedanklich hinzu.
„Okay, morgen klappt es besser, du wirst schon sehen.“ Ein Aufmunterungsspruch, der von Rian kam. Es musste wirklich schlimm um sie stehen. Sah sie so schlecht aus? Lily sah ihm und Naomi hinterher und fühlte sich plötzlich so einsam und allein, wie selten zuvor. Sie hatte innerhalb eines Vormittags den Kerl, den sie liebte, mit einer anderen davongehen sehen, hatte sich mit ihrer besten Freundin gestritten und sich mal wieder völlig blamiert.

Ein ganz normaler Tag eben für eine junge Frau, die kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag stand. So verrückt wie alles in diesem Leben war, so war sie eben doch bloß eine junge Frau, die ihre eigenen Dramen hatte. Lily wischte sich über die Augen. Was sollte sie bloß tun?
Da kam ihr eine Idee. Sie würde allein weiterüben und könnte morgen allen zeigen, dass sie doch zu etwas zu gebrauchen war. Die Stute schien skeptisch und nervös zu sein, dass Rian nicht mehr in der Mitte stand und Lily Anweisungen zubrüllte. Doch nach einer Weile im Schritt fühlte Lily sich sicherer und fester im Sattel, als je zuvor.

Vielleicht machte Rian sie sonst einfach nur nervös? Lily ging in einen leichten Trab über und ärgerte sich einen Moment darüber, dass sie niemand dabei sah. Am Rande nahm sie den Stalljungen wahr, der ihr knapp zunickte und wieder im Geräteschuppen verschwand. Immerhin hätte sie morgen einen Zeugen, der allen erzählen konnte, dass sie sich nicht den Hals gebrochen hatte und sogar eine halbwegs gute Figur gemacht hatte.

Ein unerwartetes Geräusch ließ Lily mindestens so sehr wie ihre Stute erschrecken und es geschah, was geschehen musste: Das Tier ging in einen wilden Galopp über und raste davon. Aus den Augenwinkeln sah Lily noch den Stalljungen, der ihr verwundert nachsah. Doch sie war zu sehr damit beschäftigt, nicht vom Pferd zu fallen, weshalb sie nichts mehr um sich herum wahrnahm. Es dauerte eine Weile bis ihr Herzklopfen sich wieder etwas beruhigt hatte und sie versuchen konnte, einen klaren Gedanken zu fassen. Was musste man noch mal tun, um ein Pferd zu stoppen? Die Zügel! Genau sie musste die Zügel festhalten und … wo waren bloß die verdammten Zügel? Um Himmelswillen … Lily hätte am liebsten laut um Hilfe geschrien. Wie konnte ihr Tag nur noch schlimmer werden?

Was hatte sie getan, um das alles zu verdienen? Die Luft wurde kühler und die Umgebung wurde dunkler. Lily hielt sich am Sattel fest und hob den Kopf leicht, um zu sehen, wo sie mittlerweile waren. Sie sah lauter Bäume und Sträucher und duckte sich gerade noch rechtzeitig, um nicht mit einem dicken Ast zu kollidieren. Ihr Herz raste vor Panik und ihr blieb nichts anderes übrig, als sich abwerfen zu lassen. Doch wie schaffte man es, sich von einem Pferd circa 1,50 m in die Tiefe fallen zu lassen – und das auf Ästen und einem harten Waldboden? Lily atmete tief durch, und konnte sich nicht dazu überwinden, loszulassen. Bei einem erneuten Blick über den Kopf der Stute sah sie plötzlich eine Person mitten im Weg stehen. Sie hatte beide Arme hochgestreckt und winkte ihnen entgegen, damit Lily anhielt.

„Vorsicht!“, brüllte sie noch, doch da wurden sie wie von Zauberhand langsamer und blieben dann stehen. Fassungslos starrte Lily auf die dunkel gekleidete Gestalt und ließ sich nicht sonderlich anmutig vom Pferd hinabgleiten. Sie prallte mit den Händen voran auf den harten Kiesboden unter sich auf und verkniff sich einen Schmerzensschrei. Dann rollte sie sich auf den Rücken und blieb regungslos und völlig erledigt auf der Erde liegen. Da beugte sich die Person über sie. Sie erinnerte Lily an einen Schatten und ein erneuter Adrenalinschub jagte durch ihren Körper. Sie wollte sich wehren, doch da ergriff die Gestalt ihre Hand und diese Berührung ging ihr durch Mark und Bein. Sie hielt erstaunt die Luft an und als sie wieder aufrecht saß, konnte sie dunkle Locken sehen, die unter der Kapuze hervorlugten. Bevor sie sich zu ihr umwandte, und ihr das ungemein attraktive Gesicht zeigte, wusste Lily, dass sie bereits von ihm geträumt hatte. Mehrmals, in höchst unpassenden Träumen oder eher Visionen, wie sie feststellte. Nun sah er sie an und die ungewöhnlich intensivgrünen Augen hielten ihren Blick gefangen.

Er hatte feine Gesichtszüge und eine Narbe seitlich über der Oberlippe, eine fein geschwungene obendrein, und die hellsten grünen Augen, die sie je gesehen hatte. Sie war unfähig, zu sprechen oder irgendwas zu tun. Doch das war auch gar nicht nötig. Ein Lächeln trat auf sein Gesicht, als er sich näher zu ihr beugte und seine Lippen auf ihre presste.

***

2. … liegt nicht auf dem Rücken der Pferde

Lily erstarrte und hielt den Atem an. Sie spürte die kühlen, festen Lippen auf ihren und musste sich zusammenreißen, nicht leise aufzuseufzen. Doch dann, ganz plötzlich, wurde sie sich darüber klar, was sie da gerade tat. Sie küsste einen Fremden, einen völlig Unbekannten! Einen Mann, der nicht Rian war! Genau genommen küsste er jedoch sie. Mit aller Kraft stieß sie ihn schließlich von sich, holte mit der Faust aus und schlug so fest zu, wie sie nur konnte.
„Au“, echauffierte sich der junge, äußerst attraktive Mann und hielt sich das Gesicht. Lilys Schlag hatte gesessen. Wenigstens etwas, wofür das harte Training sich ausgezahlt hatte. Sie sprang hastig auf die Füße und zog den Dolch, den Rian ihr einst gegeben hatte und mit dem sie bereits gezwungen gewesen war, einen Schatten zu töten. Seit dem Beginn ihrer Reise hatte sie sich Kays Rat zu Herzen genommen und immer eine Waffe bei sich getragen. Doch dieser Dolch hatte nun in mehreren Hinsichten eine tiefere Bedeutung für sie. Zum einen war er ein Geschenk von Rian gewesen und Lily malte sich oft aus, dass er sie im Namen von ihm beschützen würde. Denn irgendwo tief in sich, wusste sie, dass Rian nicht immer bei ihr sein könnte, um sie zu retten. Der andere Grund war, dass er einen der vielen Schatten getötet hatte, der Lily ganz grauenhafte Dinge antun wollte.
„Ist das der Dank für deine Rettung?“ Die Stimme war viel tiefer, als sie erwartet hatte und sein sanftes Timbre bewirkte nur noch mehr, dass sie sich noch aufgewühlter fühlte als schon bereits zuvor.

„Der Dank wofür?“, rief sie schroff.
„Na, dass ich dich gerettet habe“, sagte er schlicht und sah mit dem unverletzten Auge zu ihr auf. Lily zögerte. „Oder war dein Pferd nicht gerade dabei mit dir bis ans andere Ende vom Sagenland zu reiten?“
Lily überkamen leichte Gewissensbisse, aber nur bis sie sich an den ungehobelten Kuss erinnerte. „Und wozu sollte der Kuss gut sein?“, fragte sie schneidend. Sie richtete den Dolch auf den Mann, der sich langsam aufrappelte und sie schief angrinste.
„Eine Kriegerin, wie sie im Buche steht, was?“ Lily konnte nicht anders, aber sie fühlte sich geschmeichelt. Er hatte sie eine Kriegerin genannt!
Sie zuckte nur mit den Achseln und bemerkte spitz: „Was genau erwartest du, wenn du einer Frau einfach so zu nahe kommst?“

Er hob ebenfalls ahnungslos die Schultern und grinste noch spöttischer, was sie noch wütender machte. „Ich habe da so allerhand Erfahrungen gesammelt und bin es gewohnt, mir zu nehmen, was ich will.“
„Das glaube ich gern“, schnaubte Lily immer noch recht unversöhnlich.
„Aber gib es zu, du hast es genossen. Den kleinen Seufzer habe ich genau gehört.“
Sie spürte die Hitze in ihre Wangen schießen und sah verlegen auf den Boden. Ein Fehler, wie sich im gleichen Moment herausstellte. Denn innerhalb von Sekunden hatte er ihr den Dolch entwendet und ihre Rückseite an seine Brust gedrängt. Sie spürte seine muskulösen Arme fest um sich gelegt und sein Atem streifte ihren Nacken. „Sieh nur, wie schnell ich dich aus der Fassung bringen kann“, raunte er. Irgendetwas an der Art, wie er es sagte, war so anzüglich, dass Lily noch röter wurde.

„Lass mich sofort los, oder du wirst es bereuen!“, drohte sie mit aufeinandergepressten Zähnen.
„Warum lässt du nicht einfach los? Liegt das etwa daran, dass du es genießt, in meinen Armen zu liegen?“, erwiderte er seelenruhig. Sie rollte mit den Augen, spürte den Dolch nirgendwo an ihrem Körper und wagte einen Schritt von ihm fort. Sie sah sich um und fand ihn auf dem Waldboden liegen.
Der Fremde beobachtete sie aufmerksam und ging in die Hocke, um die Waffe für sie aufzuheben. Er betrachtete sie eingehend und sagte: „Das ist ein guter Dolch. Sehr alt, oder nicht?“ Er hielt ihr den Griff entgegen und Lily packte hastig zu.
„Ist nicht alles hier ziemlich alt?“, fragte sie zurück.

Der junge Mann lachte. „Das kann man wohl sagen.“ Dann kam er wieder auf Augenhöhe und Lily musste fortsehen, um sich seinem Charme zu entziehen. Sie ging festen Schrittes auf ihr Pferd zu und um ihn herum. Amüsiert sah er ihr nach.
„Du willst ernsthaft wieder aufsitzen?“
‚Nein‘, dachte sie. „Ja klar!“, hörte sie sich allerdings wie von selbst antworten. Er zog eine Grimasse, die Lily sofort provozierte. „Was?“
Er hob abwehrend die Hände in die Höhe. „Nö, nix. Nur so …“
Lily schnaufte genervt und fragte: „Na, sag schon.“
„Du scheinst nicht unbedingt die beste Reiterin im Sagenland zu sein. Zumindest sagt mir das dein Pferd.“
Mit großen Augen betrachtete Lily ihn und überhörte dabei die Kritik. Sie war einfach zu neugierig. „Das sagt dir mein Pferd?“

Er grinste jetzt selbstzufrieden. Offenbar hatte er genau darauf abgezielt und Lily stöhnte innerlich auf. Sie war ihm in die Falle gegangen, wie eine Maus dem Speck hinterherjagte. „In der Tat. Ich kann mit Tieren auf eine ganz bestimmte Art kommunizieren.“ Dann fügte er hinzu. „Abgesehen davon ist es nicht die angenehmste Art zu reisen, oder? Ich persönlich bevorzuge Schiffe und meine eigenen Beine.“
Lily staunte nicht schlecht und wusste nicht, ob ihm wirklich zu trauen war. „Wer bist du?“, fragte sie daher direkt.
Sein Grinsen verblasste nur für den Bruchteil einer Sekunde, sodass Lily sich später nicht mehr sicher war, ob sie es sich vielleicht nur eingebildet hatte. „Ein einfacher Mann …“
Sie kniff die Augen zusammen. „Du gehörst nicht zu den Kriegern meines Va… Königs, oder?“
„Oh nein, nein, nein … ganz sicher nicht. Ich gehöre nicht in den grünen Zirkel. Also bist du eine Kriegerin König Kians? Eine sehr temperamentvolle Kriegerin, die nicht reiten kann?“ Er grinste wieder breit, und wirkte amüsiert.
„Ich kann sehr wohl mit meinem Pferd umgehen“, empörte sich Lily lautstark, was den fremden Mann nur noch mehr zum Lachen brachte.

„Aber sicher doch. Gut, dann bist du eben keine besonders gute Reiterin.“
„Und was bitte bist du? Kannst du überhaupt reiten?“
„Wenn ich darf, demonstriere ich dir das sehr gern. Das heißt dann aber auch, dass ich dich ein Stück begleite. Ich denke, wir müssen ohnehin in die gleiche Richtung.“
„Ich kenne nicht mal deinen Namen“, sagte Lily und war mittlerweile gegen ihren Willen interessiert.
„Was macht das schon? Wolltest du nicht auch immer mal nicht auf einen Namen reduziert und verurteilt werden? Namen sind hinderlich. Eigentlich sogar vollkommen störend. Oder hat deine Mami dir gesagt, du sollst nicht mit fremden, gutaussehenden Männern mitgehen?“

Lily stimmte ihm innerlich zu. Sie hatte sich, seit sie hergekommen war, immer etwas Anonymität gewünscht. Da winkte sie ihr nun freundlich zu. „Gut, wir sind bloß irgendeine Frau und ein Mann, mehr nicht.“
Er hob die Brauen und sagte: „Aus deinem Mund hört sich das irgendwie doppeldeutig an. Aber ja, meinetwegen.“ Er murmelte daraufhin seltsame Laute und ihre Stute trottete auf ihn zu. Sprachlos starrte Lily auf die Szenerie, die sich ihr jetzt bot. Gefühlvoll, ja beinahe zärtlich, strich er dem Tier sanft über den Hals und wisperte unverständliche Worte. Das Pferd trabte mit den Vorderhufen und erinnerte Lily an einen aufgeregten Hund, der darauf wartete, dass man endlich den Stock warf.

„Unglaublich, wie machst du das bloß?“ Die Kinnlade fiel ihr hinab und der Fremde schmunzelte.
„Deine Stute ist völlig gestresst. Ich fürchte, du wirst nie eine besonders gute Reiterin.“
Lily rollte mit den Augen, lächelte jedoch. „Ich habe nie etwas anderes angenommen.“ Damit trat sie auf ihr Pferd zu und streichelte die Nüstern. „Es tut mir leid, Shay …“ Sie ergriff die Zügel und führte sie ein Stück weiter. Nach ein paar Schritten wandte sie sich zu ihm um und fragte: „Was ist jetzt? Kommst du?“
Er grinste sehr jungenhaft, hatte die Hände in den Hosentaschen versteckt und wippte auf den Fußballen. „Wie könnte ich da Nein sagen?“

Sie gingen eine Weile schweigend durch den Wald und Lily nestelte hektisch an den Zügeln, während sie überlegte, was wohl ein gutes Thema für ein Gespräch wäre. Er marschierte jedoch völlig ungerührt neben ihr her und glänzte mit seiner Selbstsicherheit. Er war ein gutaussehender Mann. Lily wollte gar nicht daran denken, wie wüst sie hingegen aussehen musste. Sie hatte die Kleidung von gestern an, die Haare nicht mal gebürstet und sicher hatte sie überall nervöse, rote Flecken am Hals. Es ärgerte sie, dass er sie so aufwühlte und er dagegen so gelassen wirkte. Wer war er schon, dass er eine solch heftige Reaktion in ihr hervorrief? Sie fragte sich, wo er wohl herkam, wohin er ging und was er überhaupt hier wollte? Aber sie scheute sich, ihm nur eine dieser Fragen zu stellen. Schließlich wollte sie selbst keine Antworten auf diese Art Fragen geben müssen. Sie genoss die Anonymität mit ihm. Mal nicht daran denken müssen, was geschehen würde, wenn sie dieses sagte oder jenes tat. Es war eine reine Wohltat. Also schwieg sie.

„Wieso kannst du nicht reiten?“, durchbrach er die angespannte Stille.
Lily rollte mit den Augen. „Ich dachte, wir sind nur ein Mann und eine Frau?“
„Jetzt sind wir ein Mann und eine Frau, die nicht reiten kann.“
Lily gab sich geschlagen und antwortete: „Ich weiß auch nicht, aber ich bin einfach unglaublich ungeschickt. Andere sagen, ich manövriere mich ständig in Schwierigkeiten.“ Lily sah auf ihre Stiefel und rutschte beinahe sofort auf einem Stein aus. Ihre Hände federten den Sturz zwar ab, doch eine heiße Welle von Schmerz erfasste sie trotzdem. Sie hatte sich nicht so sehr verletzt, dass sie ihren Stolz dabei vergaß. Sie fühlte, wie die Hitze in ihre Wangen schoss. Ihr Begleiter eilte auf sie zu, und als Lily in sein Gesicht sah, entdeckte sie seine Bemühung, nicht laut loszulachen. Sie ließ sich ins Gras sinken. Er kniete sich mit einem Knie vor sie nieder.

„Du hast irgendwie ein Faible dafür, das Gesagte zu demonstrieren, richtig?“ Lily hätte ihn gern geschlagen, doch ihre aufgeschürften und blutigen Handinnenflächen taten schon genug weh. Er umfing ungeahnt sanft ihre Hände und betrachtete sie. „Auswaschen wäre gut.“
„Ich habe nichts dabei“, sagte Lily kleinlaut und sah ihm ins Gesicht. Das dunkle Haar fiel ihm tief in die Stirn. Er griff sich an die Seite, wo eine Art Beutel hing, der Lily vorher nicht aufgefallen war. Er fasste hinein und präsentierte kurz darauf eine Stahlflasche, die mit einer bräunlichen Flüssigkeit gefüllt war. Er spülte etwas davon über ihre Hände und wickelte anschließend einen Stofffetzen darum. Erst, als Lily ihm dabei zusah, wie er die Verletzung säuberte, fielen ihr seine langen und feingliedrigen Finger auf. Sie waren sehr gepflegt und hätten eher zu einem Pianisten gepasst, als zu einem herumstreunenden Wesen. Seine Hände hielten ihre Verletzten und als Lily wieder hoch in sein Gesicht sah, blickte er sie neugierig und irgendwie fasziniert an. Der Moment, indem sie sich in die Augen schauten, dauerte höchstens ein paar Sekunden, aber er fühlte sich viel länger an.

„Danke“, murmelte Lily, als er sich von ihr abwandte, und schämte sich nun nicht mehr ganz so sehr.
Er lächelte und sagte: „Du musst gut auf dich aufpassen.“ Dann stand er auf und überließ Lily die Zügel ihres Pferdes. „Ich habe auch ein Talent, mich in gewisse Schwierigkeiten zu bringen.“ Er wackelte anzüglich mit den Brauen und Lily lachte bei diesem Anblick. „Ich habe einfach eine Schwäche für Frauen. Das finden ihre Ehemänner meistens nicht sonderlich amüsant.“
„Wenn du jeder Frau so nahe kommst, wie mir, verwundert mich das nicht weiter“, erwiderte Lily. Sie stiegen über mehrere Äste und kamen schließlich an einen Klippenrand. Sie sahen auf das Meer hinab und Lily warf einen Blick zum Schloss hinauf.

„Gibt es denn einen Mann, vor dem ich mich jetzt fürchten muss?“ Die Frage kam ganz beiläufig. Er sah aber höchst interessiert aus und Lily hätte sehr gern sehr laut losgelacht. Ihr fiel Rian ein, dann Gary, dann ihr Vater und dann ihr eventuell-bald-Ehemann.
„Oh man, wenn du wüsstest“, murmelte sie nur betrübt.
„So schlimm?“, bohrte er weiter und grinste dabei schief, wirkte jedoch nicht im Mindesten besorgt.
„Nur ein Mann und eine Frau“, erinnerte sie ihn und hob den Zeigefinger.
„Okay, also ein unverfänglicheres Thema.“ Er legte einen Finger an die Lippen, dachte kurz nach und fragte: „Was hältst du von dem Meer?“ Schon schoss ein Bild durch Lilys Kopf: Rians Augen. Es gab darüber hinaus immer noch Fragen, die sie nicht unbefangen beantworten konnte. Sie seufzte. „Was? Auch keine gute Frage? Im Ernst jetzt? Wie kann das keine gute Frage sein?“ Er hob belustigt die Augenbrauen. Lily schüttelte nur den Kopf. „Also gut. Und was ist mit dem Wald? Was hältst du von ihm?“

„Ich bin eine Fee. Ich liebe die Natur. Ich verehre die Stille und den Lärm darin. Ich könnte nicht leben ohne ihn“, sagte Lily leise und sah in die Baumwipfel, die nur einen spärlichen Blick in den Himmel freigaben.
„Ich hasse es, nicht zu wissen, wo der Anfang und wo das Ende ist. Alles sieht gleich aus und alles riecht nach Moder.“
Lily sah ihn entgeistert an. „Du magst den Wald nicht? Wie kann man den Wald nicht mögen?“
Er lachte über ihre verwunderte Miene. „Ich mag es gern, wenn es übersichtlich ist und ich muss festen Boden unter den Füßen haben.“
Lily schüttelte den Kopf. „Eine schreckliche Vorstellung.“ Dann sahen sie sich beide an und prusteten los. Er griff nach den Zügeln und berührte dabei wie zufällig ihre Hand, was in Lily ein ungewohntes Gefühl hervorrief. Sie blieben stehen und er beugte sich zu ihr rüber.

„Du weißt ja, was man über Gegensätze sagt, oder?“, hauchte er und seine Stimme war so rauchig und sanft, dass Lily ihm nur gebannt ins Gesicht blickte. Seine Absichten waren offenkundig und Lily fragte sich, was sie davon abhielt, darauf einzugehen. Seine grünen Augen funkelten vor Energie und sein dunkles Haar hob sich stark von der recht hellen Haut ab. Sie betrachtete die kleine Narbe über seiner Oberlippe und konnte sich gerade noch zurückhalten, darüber zu streichen. Seine Wangenknochen waren dagegen eher hoch und gaben seinem Gesicht eine Eleganz, die Lily noch nie zuvor gesehen hatte. Er war ohne Frage hübsch. Er war beinahe zu schön für einen Mann. Auf der Erde hätte er sicher als Model von großen Plakatleinwänden zu ihr hinuntergelächelt. Doch sobald Lily die Augen schloss, sah sie nur grau-blaue Augen vor sich, und das Rauschen des Meeres klang laut in ihren Ohren. Sie zog sich zurück und führte ihr Pferd weiter. Sie durfte Rian vielleicht nicht lieben. Dennoch tat sie es immer noch.

Schmerzlich dachte sie daran, wie er Naomis Hand gehalten hatte. Ob er sie auch geküsst hatte? Lily musste sich zwingen, an etwas anderes zu denken. Sie seufzte frustriert und hätte am liebsten um sich geschlagen. Ein Gefühl, dass ein vertrauter Begleiter der letzten Wochen geworden war. Sie fühlte sich, als sei sie in eine Zwangsjacke gezwängt worden und sehnte sich nach Freiheit.
„Stimmt was nicht?“ Er wirkte nicht vor den Kopf gestoßen über Lilys Zurückweisung, wenn er auch verwundert schien. Lily fragte sich, ob er wohl daran gewöhnt war, dass Frauen auf seine Flirterei eingingen.
„Nein, alles bestens. Wo genau musst du eigentlich hin?“ Lily war bemüht, vom Thema abzulenken.
„Hier und da …“, wich er aus und wirkte das erste Mal unsicher und um eine Antwort verlegen.
„Ich muss dort lang.“ Sie deutete zum Schlossweg und er sah sie überrascht an.
„Du lebst auf dem Schloss?“ Dann lachte er laut und Lily sah ihn verwirrt an.
„Wieso hab ich das Gefühl, dass aus der ‘ein Mann und eine Frau‘-Sache nichts geworden ist? Du scheinst schon ganz viel von mir zu wissen. Ich weiß hingegen nichts von dir.“
„Das stimmt nicht. Du weißt etwas von mir. Ich bin von dir ganz hingerissen.“ Lily sah ein paar Krieger ihres Vaters in den Wald reiten und hätte sich ohrfeigen können, als ihr klar wurde, dass man bereits nach ihr suchte. Wie hatte sie nicht daran denken können?

Ihr Vater und ihre Freunde standen gerade höchstwahrscheinlich die größten Sorgen aus, weil sie verschwunden war. Und was tat sie? Sie spazierte hier entspannt mit einem gutaussehenden Fremden umher. Es wurde Zeit, dass sie sich trennten und ein kleiner Teil von Lily bedauerte das. Er durfte jedoch nicht erfahren, mit wem er durch den Wald gestreift war.
„Ich gehe jetzt mal besser. Ich denke, ich werde dort dringend gebraucht.“
„Wieso? Steht irgendetwas an?“ Lily zuckte mit den Schultern.
„Eine riesige Fete wird es nicht gerade. Der König erwartet den Oberon und seinen Sohn morgen.“
„Hört sich an, als freust du dich nicht darüber.“

Lily sah ihm in die grünen Augen. „Ich werde das Unvermeidliche nicht weiter vor mir herschieben können.“ Sie wartete darauf, dass er sie noch einmal küsste, und war etwas enttäuscht, als er keine Anstalten machte, ihr näher zu kommen. Er starrte sie nur an und Lily konnte nicht deuten, was er wohl dachte.
„Ist morgen nicht die Geburtstagsfeier der Prinzessin?“, fragte er und sah Lily dabei forschend ins Gesicht. Sie nickte nur vage und kniff skeptisch die Augen zusammen. Woher wusste er davon?
„Wie ist sie so?“, bohrte er nach und Lily horchte auf.
„Wer?“
„Na die Prinzessin natürlich. Man hört ja allerhand Dinge über sie.“
„Keine Ahnung, sie soll ein seltsames Ding sein.“ Lily holte tief Luft. „Auf Wiedersehen“, verabschiedete sie sich rasch und wandte sich um.
„Was? Das war alles? Was ist mit meinem Dankeschön?“ Sie blieb stehen und sah zu ihm zurück. Beinahe wäre sie wieder gestolpert, denn er war so schnell, so nah bei ihr, dass sie vor Überraschung das Gleichgewicht verlor. Ohne zu zögern, schlang er beide Arme um sie und drückte seine Lippen erneut auf ihre. Diesmal schob sie ihn allerdings nicht fort. Seine Lippen waren härter und gieriger.

Der Kuss war nicht so intensiv wie Rians Küsse und Lily fühlte sich auch nicht im Geringsten so erfüllt davon. Und doch war es gut. Vielleicht lag es daran, dass nicht so viel Gefühl im Spiel war oder sie ihn wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Sie fühlte sich auf einmal frei und unabhängig. Eine Fee, die ihre eigenen Entscheidungen traf, ohne auf etwas, oder jemanden, Rücksicht nehmen zu müssen. So eilig er sie überfallen hatte, so schnell ließ er sie auch wieder los.
Er grinste und sagte: „Es sollte sich auf jeden Fall lohnen, falls ich in Zukunft auf einen deiner eifersüchtigen Männer treffe, die nach meinem Leben trachten.“
Lily griff sich an die Lippen und wandte sich nun endgültig von ihm ab. „Leb wohl, Fremder!“, rief sie ihm noch zu.
„Keine Sorge, wir sehen uns wieder – sicher schneller als dir lieb ist, Süße.“ Nach wenigen Schritten sah sie zu ihm zurück, da war er schon verschwunden. Sie fragte sich Gerade, ob sie sich das alles nur eingebildet hatte. Doch da fiel ihr Blick auf die verbundenen Hände.

Lily führte ihre Stute die Allee zum Schloss entlang und hing ihren Erinnerungen an den Fremden nach. Wer war er nur? Was wollte er im Wald, wenn er ihn so verabscheute? Und was hatte er damit gemeint, dass sie sich schneller wiedersehen würden, als ihr lieb war? Würde sie ihn wirklich noch mal treffen? Sie berührte ihre Lippen und grinste. Einerseits konnte sie nicht noch einen weiteren Mann in ihrem Leben gebrauchen, doch auf der anderen Seite hatte er ihr Interesse geweckt. Es war alles so unkompliziert mit ihm gewesen.

Lily wurde von heftigem Hufschlagen aus ihren Gedanken gerissen. Sie blickte auf und erkannte ein paar Reiter, angeführt von ihrem Vater, auf sich zu galoppieren. Kian, vollkommen in schwarz gehüllt und mit den gleichen intensiv blauen Augen wie Lilys, sprang eilig vom Pferd und stürzte auf sie zu.
„Lily! Oh Gott sei Dank!“ Er umfing ihre zarte Gestalt so fest, dass Lily das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Dann schob er sie eine Armlänge von sich und umfasste ihre Oberarme. Er sah ihr so besorgt in die Augen, dass es Lily sofort wieder leidtat, dass sie sich auf so angenehme Weise die Zeit vertrieben hatte. „Geht es dir gut? Hast du dich verletzt?“ Lily nickte und schüttelte kurz darauf verwirrt den Kopf. Kian stieß einen erleichterten

Laut aus und zog Lily wieder in seine Arme. „Du hast mir einen solchen Schrecken eingejagt, junges Fräulein.“ Lily sog den Duft ihres Vaters ein. Ein angenehmer Lederduft umgab ihn und etwas, das sie an den Wald und Moos erinnerte.
„Es tut mir leid, Dad“, murmelte Lily und sie spürte, wie er vor Stolz anschwoll, weil sie ihn Dad genannt hatte.
„Hauptsache, dir geht es gut.“ Er ließ von ihr ab und gab den Blick auf den Mann hinter ihm frei. Es war Liam, der sie ebenfalls kurz an sich zog.
„Du hältst uns alle ganz schön auf Trab, Lilien.“ Er lächelte und tauschte einen erleichterten Blick mit dem König.
„Was ist mit deinen Händen geschehen?“, fragte Caitlin, umrundete Liam eilig und stürzte sich auf Lilys Verletzung. „Es ist nichts weiter. Ich habe sie mir nur leicht aufgeschürft, Caitlin.“ Die Fee streichelte über ihr Haar.
„Sag den anderen Bescheid“, ordnete Liam einen weiteren Krieger an, den Lily noch nicht beim Namen kannte. Dieser packte ein Horn aus und blies hinein. Es kam jedoch kein Ton heraus, der für menschliche Ohren zu hören wäre. Lily fand es auch seltsam, aber so überbrachte man sich im grünen Zirkel Nachrichten. Es war eine Art Telefon ohne Strom und Kabel. Es funktionierte wohl nur mit Magie. Lily weigerte sich noch einmal auf ein Pferd zusteigen. So schritt sie mit ihrem Vater die Allee zum Schloss entlang, während die restlichen Krieger geschlossen zurückritten.

„Lilien …“ Lily sah ihren Vater von der Seite her an und erkannte an der angespannten Haltung, dass eine Belehrung folgen würde. Sie musste ein Lachen unterdrücken, weil er so unsicher wirkte. Lilys Herz schwoll vor Liebe an. Er hatte ständig Angst, ihre aufkeimende Beziehung zu zerstören.
„Ich bekomm jetzt Ärger, richtig?“
Kian sah sie überrascht an und nestelte an einer Schnalle seiner Jacke herum. „Lily …“
„Nun mach schon, Dad. Ich halt es aus.“
Er grinste und sagte betont streng: „Ich bin nicht länger damit einverstanden, wie du mit dir umgehst. Auch wenn du schon fast erwachsen bist, bin ich dein Vater. Also sage ich dir, dass du es langsamer angehen lassen musst. Falls das nicht reicht: Ich bin dein König und befehle dir, ein paar Gänge zurückzuschalten.“
Lily blieb stehen und entgegnete: „Der Vater reicht.“ Kian sah sie mit solch einem liebevollen Ausdruck an, dass Lily sich am liebsten in seine Arme geworfen hätte.
„Gut“, antwortete er zufrieden und fügte hinzu: „Das heißt Frühstück, Mittagessen, Tee, Abendbrot und Schlaf. Schlafen heißt, dass du diese Zeit, mindestens acht Stunden lang, in deinem eigenen Bett verbringen musst. Und zwar jeden Tag.“

Lily nickte artig und sah schuldbewusst auf ihre Stiefel. „In Ordnung. Aber ich darf ein Buch mit ins Bett nehmen.“
Kian kniff abschätzig die Augen zusammen. „Eine Stunde im Bett lesen, ist erlaubt.“
„Zwei“, erhöhte Lily und ihr Vater gab sich geschlagen.
„Ich bin so stolz auf dich, Lily. Du bist so engagiert und mutig. Aber ich möchte eigentlich nur, dass du glücklich bist.“
„Und ich möchte einfach eine gute Kriegerin sein.“
„Aber du bist doch die Prinzessin. Du musst keine Kriegerin sein.“
Lily konnte sich gerade noch davon abhalten, mit dem Fuß aufzustampfen und zu sagen: ‚Ich will aber! ‘ Stattdessen murmelte sie betrübt: „Ich möchte aber die beste Prinzessin für mein Volk sein. Ich habe es satt, ständig gerettet zu werden. Ich möchte mich nicht andauernd so hilflos und unzulänglich fühlen.“

Kian grinste und sah nachdenklich auf das Meer hinaus. „Die meisten Feen möchten so wie du sein. Nur du willst nicht du sein.“ Kian wirkte zerknirscht und Lily bekam ein schlechtes Gewissen.
„Es ist nicht so, dass ich nicht ich sein möchte. Ich weiß nur noch nicht, was das genau heißt“, beschwichtigte sie ihn und biss sich auf die Lippen. Denn genau genommen hätte sie auf der Stelle ihren Platz mit Naomi getauscht, wenn das ginge. Nur um frei und ungebunden und eine Kriegerin sein zu können. Doch das verletzte ihren Vater nur und das war das Letzte, was sie wollte.
„Morgen Abend empfangen wir den Oberon. Ich möchte, dass du dich bis dahin noch etwas ausruhst. Bis auf die Stunde mit Gary und der Oberin entfallen alle weiteren Übungsstunden für heute und morgen.“ Auf diese Lehrstunde mit ihrer Großmutter hätte sie nur zu gern ebenfalls verzichtet. Lily hatte seit dem letzten Zusammentreffen einmal wöchentlich eine Unterrichtsstunde aufgebrummt bekommen, in der sie mehr über die seltene Gabe der Vorhersehung lernen sollte. Es war seltsam, die Oberin als eigene Familie anzusehen, die solch eine erhabene Präsenz hatte. Sie war kühl und distanziert, sodass es Lily immer schwerfiel, ungezwungen mit ihr umzugehen. Die gemeinsame Zeit war meistens damit gefüllt, dass sie etwas über ihre außergewöhnliche Fähigkeit erfuhr.

Sie hörten hinter sich einige Reiter auf sich zureiten und sahen ihnen entgegen. Lily spürte sofort, dass Rian dabei war und ihr schoss die Röte ins Gesicht. Rian, gefolgt von Ciara, Gary, Kay und Naomi waren die zweite, ausgesandte Gruppe gewesen, um sie zu suchen. Knapp vor ihnen kamen sie zum Stehen und Lily vermied es, Rian anzusehen. Ciara und er sprangen jedoch von den Pferden und Ciaras dünne Arme umfingen Lily fest.
„Oh, es tut mir so leid, Lily. Es tut mir so leid, dass ich dich allein gelassen habe“, jammerte sie an ihrem Hals und Lily lächelte über ihr schlechtes Gewissen.
„Ach was, ich bin selbst schuld“, sagte Lily und fügte zähneknirschend hinzu: „Ich bin ein Schaf und hätte einfach mal auf dich und Rian hören sollen.“

Ihr Blick glitt zu Rian, der sie nachdenklich und forschend ansah. „Ich bin sehr froh, dass es dir gut geht, Prinzessin.“
„Du hättest sie niemals allein lassen dürfen“, rief Kian ungewohnt scharf. Lily starrte ihren Vater entgeistert an.
„Ich weiß!“ Rian nickte schuldbewusst, doch Lily öffnete sofort den Mund, um ihn zu verteidigen.
„Hör auf damit, Dad! Er kann nichts dafür!“
„Das verstehst du nicht, Lilien“, entfuhr es ihm nur knapp. „Du bist ihre Leibwache. Du sollst sie bei jedem ihrer Schritte begleiten. Was glaubst du eigentlich, wo dein Platz hier ist?“
Rian sah Kian fest in die Augen. „Ich hätte mir niemals verziehen, wenn ihr etwas zugestoßen wäre“, antwortete er jetzt leise und sehr ernst.
„Gut! Denn ich werde es dir ebenfalls niemals verzeihen, wenn ihr jemals etwas passiert.“
„Rian hat absolut nichts falsch gemacht, Dad. Ich war es! Ich bin einfach so stur und blöd gewesen, dass ich unbeobachtet weiter trainiert habe.“
„Halt dich daraus, Lilien. Das geht dich nichts an!“, sagte Kian schroff.

Lily stemmte ihre Hände in die Hüften und stellte sich vor Rian. „Weiß der Teufel, warum, aber ich bin nun mal deine Tochter und somit die verdammte Prinzessin. Also brüll meine Gefährten nicht an, wenn ich Dummheiten mache.“
Kians Augen waren nun zu Schlitzen verengt. „So redest du nicht mit mir!“, donnerte er und Lily zuckte kurz zusammen. „Ins Schloss mit dir, Prinzessin Liara!“
„Zu Befehl, König Kian“, schrie sie, ergriff Shays Zügel und schritt mit erhobenem Haupt zu den Stallungen zurück. Ciara war drauf und dran Lily zu folgen, doch Kian pfiff sie zurück.
„Ich habe mit euch noch ein paar Dinge zu regeln.“ Er hielt inne und sagte dann beherrschter, aber nicht weniger eindringlicher. „Sie ist neu in dieser Welt. Sie ist temperamentvoll, engagiert und hat diesen Hang, sich in Schwierigkeiten zu bringen.“ Rian schnaubte geräuschvoll und Ciara musste ein Grinsen unterdrücken. „Sie ist unser aller Hoffnung. Sie ist eure Prinzessin. Sie ist eure Freundin, aber ihr seid auch für sie verantwortlich. Es ist eure Aufgabe, sie im Auge zu behalten und sie zu beschützen. Dafür wurdet ihr ausgebildet. Ich erwarte von einem jeden von euch, dass er diese Bestimmung besonders ernst nimmt.“ Er blickte Naomi einen Moment länger in die Augen, als den anderen. Seine nächsten Worte waren viel weicher und ein leiser Seufzer entfuhr ihm.

„Aber am Allerwichtigsten ist … sie ist mein kleines Mädchen. Ich werde wahnsinnig, wenn ihr etwas zustoßen sollte. Und glaubt mir, das wollt ihr nicht. Niemand will einen irren König.“ Jeder lächelte den König an, abgesehen von Rian. Mit einer Handbewegung machte er deutlich, dass sie entlassen waren. Kian umfing jedoch Rians Schulter und hielt ihn sanft, aber bestimmt zurück.
„Ich hätte dich nicht so anbrüllen dürfen, Rian. Es tut mir leid. Doch wenn es um Lily geht, geht mein Temperament mit mir durch.“
„Etwas, was wir gemeinsam haben“, antwortete Rian ausweichend und vermied es, seinen König dabei anzusehen. „Und es scheint in der Familie zu liegen.“
„Gibt es etwas, dass du mir vielleicht sagen möchtest, Rian?“, fragte Kian forschend und blickte Rian eindringlich in die Augen.

Der junge Mann fuhr sich hektisch durch das blonde Haar und machte die Unordnung darin nur noch schlimmer. „Was meinst du?“
„Du bist oft so … zurückgezogen. Du nutzt jede Gelegenheit, um das Schloss zu verlassen. Es gab mal eine Zeit, da dachte ich, du und Lily, ihr … naja, seid gern zusammen.“ Rian wand sich offensichtlich unter diesen Worten und Kian fühlte jede Besorgnis bestätigt, auch wenn Rian etwas anderes sagte. Aber er war kein Idiot. Er sah doch, wie seine Tochter diesen Krieger, und er sie umgekehrt, ansah. Es gab niemanden, der das übersehen konnte, selbst ein überfürsorglicher Vater nicht.
„Nein, Majestät. Es gibt nichts. Aber ich werde die Prinzessin nicht mehr aus den Augen lassen. Das verspreche ich Euch.“ Kian nickte nur und dann entließ er auch ihn.

***

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