Leseprobe XXL: Backstage Love – Unendlich nah

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Kapitel 1

„Emilia Sophie Kennedy!“ Ihr Name drang mit erstaunlicher Kraft über die drei Etagen zu Mia durch. Sie seufzte entnervt auf. Dieser Ton machte deutlich, dass ihre Großmutter ihr leergeräumtes Zigarettenversteck entdeckt hatte. Mia musste ein Grinsen unterdrücken, während sie den Kohlestift beiseitelegte.

„Was zum Teufel habe ich dem lieben Herrgott nur angetan, dass er mich mit so einer nichtsnutzigen Enkelin straft?“, donnerte es lautstark zu ihr hinauf. Ihre Großmutter Sophie schien heute blendender Laune zu sein.
„Himmel noch mal“, murmelte Mia und pustete sich eine dunkle Locke aus der Stirn. Wie oft würde sie diese Diskussion noch führen müssen, und wie konnte man in diesem Alter nur so unglaublich starrsinnig sein? Diese Momente zeigten Mia wieder einmal, dass ihre liebevolle, stets um sie besorgte, beinahe dreiundsiebzig Jahre alte und leicht exzentrische Großmutter wesentlich uneinsichtiger war, als sie es als Teenager je gewesen war.

Sie wischte die von Kohle schwarz gefärbten Finger an ihrer Kleidung ab. Die dunkelblaue Latzhose, die ihr viel zu groß war und deren Träger ihr ständig von den Schultern rutschten, hatte schon einige künstlerische Phasen zusammen mit ihr durchlebt. Sie war über und über mit bunten Farben, Sprays und etlichen anderen Dingen bedeckt. Es hatte lange gedauert, bis ihre Mutter Celine sie davon überzeugen konnte, nicht in ihren guten Kleidern zu malen. Nur weil Celine irgendwann nicht mehr bereit gewesen war, ständig neue Kleider zu kaufen, hatte Mia schließlich nachgegeben. Im Nachhinein musste sie über ihre eigene Vehemenz schmunzeln. Ganz so einfach hatte sie es ihrer Familie als Teenager dann auch wieder nicht gemacht. Aber war das nicht der eigentliche Sinn der Teenagerzeit?
„Emilia! Ich weiß, dass du mich hören kannst! Setz dich in Bewegung, oder erwartest du, dass ich die verdammte Leiter hochklettere?“

Mia wusste, dass nichts auf dieser Welt Sophie davon abhalten konnte, ihr eine ordentliche Strafpredigt zu halten. Sie strich sich die widerspenstige Haarsträhne entschlossen hinters Ohr und hinterließ dabei einen schwarzen Strich auf ihrer Wange. Eigentlich war sie froh über die Ablenkung. Heute wollte ihr einfach nichts gelingen. Ihre Entwürfe gaben aus irgendeinem Grund nicht das wieder, was Mia im Kopf herumspukte. Eines dieser Kreativlöcher … Ihre Chefin wäre alles andere als begeistert, wenn sie ohne brauchbare Entwürfe bei ihr aufkreuzen würde.

Mia sah sich kurz in ihrer Dachkammer um und warf einen Blick in den Spiegel. Dort hingen allerlei gemalte Bilder und Fotos aus vergangenen, glücklichen und unbeschwerten Tagen. Sie lächelte wehmütig beim Anblick ihrer Freunde und ihrer Familie. Wie hatte sich ihr Leben nur in so kurzer Zeit so sehr verändern können? Sie hielt einen Moment inne und schluckte den Kloß im Hals hinunter.
„Emilia!“, donnerte es nun drohend von der unteren Etage, und Mia gab nach. Sie wollte nicht, dass Sophie gezwungen war, die Leiter zum Dachboden hinaufzuklettern.

„Ich komme ja schon!“, rief sie genervt und stapfte durch die Dachluke nach unten.
„Das will ich dir auch geraten haben, junges Fräulein!“, erwiderte ihre Großmutter barsch. Deutlich aus der Puste und dennoch wild entschlossen, verschnaufte Sophie am oberen Treppenabsatz. In der Dachluke erschienen nun ein paar schlanke, nackte Füße, gefolgt von der restlichen zierlichen Gestalt ihrer Enkelin. Auf Sophie Kennedys Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Mias langes, dunkles Haar war zu einem dicken Zopf geflochten, und im Sonnenlicht, das durch die großen Dachfenster hereinfiel, schimmerten kastanienbraune Strähnen darin. Das von Kohle geschwärzte Gesicht sah aus wie das eines Schornsteinfegers. Doch darunter versteckten sich sanfte und hübsche Gesichtszüge, ganz die ihrer Mutter. Emilia war ziemlich klein, doch dank ihres Temperaments machten nicht viele den Fehler, sie zu unterschätzen.

Sophie liebte diesen Wirbelwind von ganzem Herzen. Auch wenn sie es ihr nicht oft genug sagte, bewunderte sie ihre Enkelin sehr dafür, dass sie sich mit einer alten Schachtel wie ihr abgab. Mia war chaotisch, rechthaberisch und sehr, sehr liebenswert. Und ein Dickkopf. Eine echte Kennedy eben. Emilia konnte nur wenigen Menschen eine Bitte abschlagen. Und so kam es, dass Sophies zweiundzwanzigjährige Enkelin in den Semesterferien zu Hause lebte, ihre kleine Cousine beaufsichtigte und ein Auge auf ihre Großmutter hatte, anstatt selbst eine tolle Reise zu unternehmen oder zumindest ordentlich auf den Putz zu hauen.

Um Emilias Aufenthalt für sie so angenehm wie möglich zu machen, ließ Sophie keine Gelegenheit aus, hitzige Wortgefechte mit ihr auszutragen. Es machte einfach zu viel Spaß, einen ebenbürtigen Gegner um sich zu haben. Unter Sophies Altersgenossen gab es davon leider nur noch wenige, oder sie waren nach dem kleinsten Meinungsaustausch bereits eingeschnappt. Das war sehr ermüdend, und Sophie langweilten die Kaffeeklatschfahrten und Bingoabende mit lauwarmem Tee, der sie die ganze Nacht aus dem Bett trieb. Es ging doch nichts über einen ordentlichen Scotch oder ihren berühmten selbstgebrannten Schnaps. Gott sei Dank gab es noch Charlotte und Martha in ihrem Dorf. Ein paar alte Schachteln, die einen klassischen Skatabend inklusive Sophies Selbstgebranntem nicht zu verachten wussten. Doch ihre Wortgefechte mit Emilia waren kaum zu überbieten, und Sophie wollte diese nicht missen. Das herausfordernde Blitzen in den Augen ihrer Enkelin bewies, dass es ihr ebenso ging.
„Warum schreist du das ganze Haus zusammen, Granny?“

Sophie musterte Emilia eindringlich mit vorwurfsvollem Blick. „Du weißt genau, dass ich es hasse, ‚Granny‘ genannt zu werden! Sehe ich etwa wie eine aus?“  Nein, das tat sie tatsächlich nicht. Ihre grauen Haare waren zu einem flotten Kurzhaarschnitt frisiert, und die leicht stämmige Gestalt wirkte alles andere als gebrechlich. Ihre Kleidung war ausgefallen, doch in Wahrheit war es Sophies Art, die einen einfach überzeugte. Sie war brüsk, offen, unhöflich und oft gnadenlos ehrlich, was viele zu schätzen wussten.
„Wo sind sie, Mia?“, fragte sie aufgebrachter, als sie eigentlich war.
„Was meinst du, Sophie?“ Mias unschuldige Miene war nur ein halbherziger Versuch, ihr weismachen zu wollen, dass sie keine Ahnung hatte, wovon sie sprach.

„Du freche Göre weißt ganz genau, was ich meine! Ich will eine rauchen, und scheinbar hast du dich an meinem Vorrat vergriffen.“ Empörung schwang in Sophies Stimme mit, und Mia unterdrückte einen Lachanfall.
„Ich habe keine Ahnung, Sophie! Meinst du, ich muss mir ernsthaft Sorgen machen?“, neckte Mia sie mit einer Anspielung auf ihre Vergesslichkeit.

Sophie stemmte eine Hand in die Hüfte und fuchtelte wild mit dem ausgestreckten Zeigefinger vor Mias Nase herum. „Werd ja nicht frech, du Göre. Du bist mir einiges schuldig! Zigaretten kosten ja schließlich auch Geld.“
„Ich bin mir keiner Schuld bewusst, Granny. Vielleicht waren es ja die Heinzelmännchen“, schlug Mia mit einem Augenzwinkern vor. „Außerdem dachte ich, du hättest vom Arzt die Anordnung bekommen, nicht mehr zu rauchen? Man kriegt von Zigaretten Lungenkrebs. Ist dir das eigentlich klar? Erst vorgestern hast du mir weismachen wollen, du wärst abstinent.“ Ein weiterer halbherziger Versuch, Sophie dazu zu bringen, an ihre Gesundheit zu denken. Mia sah sie herausfordernd an, erntete jedoch nur eine wegwerfende Handbewegung.
„Na, dann wär hier wenigstens mal was los!“, schnaubte Sophie und ging gar nicht weiter auf das Argument ein. Resigniert fragte sie: „Die Heinzelmännchen?“ Sie holte tief Luft, um noch etwas hinzuzufügen, stieß sie allerdings ungenutzt wieder aus.

Sie schwiegen sich kurz an, dann sagte Sophie: „Heinzelmännchen wären gar nicht so schlecht für das Chaos, das du hier überall verbreitest. Erst neulich habe ich deinen Schlüssel im Kaffeeschrank gefunden.“
Mia zuckte nur mit den Achseln. Sie war nun mal chaotisch. Das hatte sich nicht geändert. Ihr Vater hatte immer die Krise bekommen, wenn sie morgens mit Zahnbürste im Mund ihre Schulbrote schmierte oder mit ihren Hausschlappen auf dem Weg zur Schule in seinem Auto gesessen hatte. So war sie eben. Ganz die Tochter ihrer Mutter. Eine Künstlerin mit wenig Sinn für Ordnung und Gradlinigkeit, dafür aber mit erheblicher Lebensfreude.

„Vielleicht helfen die dir ja auch beim Abwasch?“ Mia grinste breit, während Sophie ihr leicht in den Arm knuffte. „Hey!“, beschwerte sie sich, lächelte aber. Nichts von ihren Streitereien war wirklich böse gemeint. Es peppte nur ihrer beider Alltag auf. Mia stemmte die rechte Hand in die Hüfte, ganz ähnlich wie es zuvor Sophie getan hatte. „Ich würde übrigens mal nach deinem Fusel gucken, wer weiß, ob sie den nicht auch schon gefunden haben.“
„Man sollte dich übers Knie legen und dir den Hintern versohlen!“, schimpfte Sophie. „Du bist schlimmer als deine Mutter, Beatrix und dein Bruder zusammen!“
„Und trotzdem schaffst du es innerhalb kürzester Zeit, deinen Vorrat erneut aufzustocken. Ich dagegen werde wieder Tage brauchen, um das neue Versteck zu finden, Granny.“ Mia legte eine Hand sanft auf die ihrer Großmutter, mit der diese sich am Geländer festhielt, und lachte. „Außerdem … von wem habe ich diese Beharrlichkeit wohl geerbt?“
„Na, von mir bestimmt nicht!“, erwiderte Sophie brüsk und wandte sich ab, um das Lächeln zu verbergen, das gerade an ihren Mundwinkeln zupfte. Allein um Mias Lebendigkeit und den Glanz in ihren Augen zu sehen, erfand sie immer wieder neue Herausforderungen für ihre Enkelin.

Das Kennedy-Haus war selten so leer wie im Moment. Allerdings gab es keinen Platz auf der Welt, an dem sie lieber gewesen wären. Sie lebten in einem verträumten Dorf namens Bodwin ganz in der Nähe der Stadt Falmouth. Es war ein malerischer Ort, der im Sommer grün und voller bunter Blüten war. Für die ländliche Idylle zahlten sie nur einen geringen Preis. Falmouth und die nächsten größeren Geschäfte lagen lediglich etwas über eine halbe Stunde entfernt. Mia lebte nur während der Semesterferien in ihrem Elternhaus und genoss die Vorzüge eines ruhigen Lebens in dieser Zeit sehr. Während ihres jetzigen Besuchs sah Sophie jedoch eine gewisse Ruhelosigkeit an ihrer Enkelin, die ungewöhnlich für sie war.

Sophie seufzte, als sie an den seltsamen, leeren Blick in Mias Augen dachte, wenn diese sich unbeobachtet fühlte. Da war ein Winkel ihres Herzens, den ihre Mia gut verschlossen hielt: die Sehnsucht nach der Freiheit, die jedem Menschen in diesem Alter zustand – und in ihrem besonderen Fall war nicht die Freiheit der ganzen weiten Welt gemeint. Schon Emilias Vater war hier in Bodwin geboren und aufgewachsen, und auch wenn er für einige Zeit in Frankreich studiert hatte, so hatte ihn doch immer starkes Heimweh geplagt, für das er sich als erwachsener Mann sicher geschämt hatte. Dieses kleine malerische Dorf an der britischen Küste hatte seinen ganz eigenen Charme. Die Nachbarschaft hockte sich zwar ziemlich auf der Pelle und ging sich regelmäßig auf die Nerven, und doch war es gerade diese Gemeinschaft, die es fertigbrachte, dass man sich nirgendwo mehr zu Hause fühlte als hier.

Die sanfte Meeresbrise und das viele Grün waren für die Touristen ein Traum, und auch die Bewohner wussten das alles zu schätzen. Emilia war ebenfalls von dem Heimweh betroffen. Es zog sie nicht hinaus in die weite Welt, abgesehen vielleicht von der einen oder anderen kurzen Reise. Doch ihr Leben war hier und holte sie immer wieder zurück. Während Emilias Freunde und Studienkollegen sich amüsierten, regte sich in Sophies Enkelin ein Gewissen, das größer nicht hätte sein können.  Gott sei Dank war da noch Lizzy, Mias beste Freundin und Nachbarin. Eine Chaotin der ganz besonderen Art, weswegen sie hervorragend zu Mia passte. Doch die Verantwortung für ihre Familie lastete schwer auf Mias Schultern. Das war etwas, das ihr Vater Alan ihr vermacht hatte. Es gab kaum einen Menschen, um den er sich nicht gesorgt oder gekümmert hatte.

Vor drei Jahren hatte Celine ihren Ehemann und Sophie ihren Sohn zu Grabe tragen müssen. Dieses Loch, das er im Herzen aller hinterlassen hatte, wurde nie wieder richtig gefüllt, und Celine litt unter dem Verlust ihres Liebsten so sehr, dass sie es kaum länger als ein paar Wochen in ihrem gemeinsamen Zuhause aushielt. Sie hatte einen neuen Lebensinhalt gefunden und bereiste nun die Welt.
Im Hause Kennedy lebten drei Generationen zusammen, und meistens bestanden diese nur aus Frauen. Celine Kennedy, Mias und Liams Mutter, war Sophies innig geliebte Schwiegertochter. Celines Schwester Bea wohnte seit ihrer Scheidung vor ein paar Monaten mit ihrer kleinen Tochter Haley ebenfalls bei ihnen. Momentan betrachteten Celine und Bea Elefanten unter der Sonne Afrikas und hatten es Mia überlassen, sich um Haley und Sophie zu kümmern. Durch Celines immer häufigere Abwesenheit fühlte Mia sich mehr und mehr verpflichtet, hier die Stellung zu halten.

Doch Sophie war nicht damit einverstanden, dass Mia ihre Jugend dafür opferte, regelmäßig zu Hause zu bleiben, damit Celine vor ihrer Trauer flüchten konnte. Auch wenn Mia vielleicht hierher gehörte, so hatte sie doch mehr verdient, als ein trostloses Leben neben einer alten, verrückten Schreckschraube wie ihr zu führen. Es war Mias Zeit, Abenteuer zu erleben, Fehler zu machen und das Leben zu genießen. Sie war zufrieden, da war Sophie sich vollkommen sicher. Doch war sie viel zu jung, um bloß zufrieden zu sein. Ihre Augen sollten vor Lebensmut glänzen und vor Glück funkeln.

Ein mittlerweile auch selten gesehener Gast war Liam, Mias drei Jahre älterer Bruder. Er war mit seiner Band, den Swores, in der ganzen Weltgeschichte unterwegs. Im Moment bestand seine einzige Aufgabe darin, seinen weiblichen Fans den Atem zu rauben, die Nächte mit Alkohol, seinen Bandkollegen und zahlreichen Models sowie wichtigen Persönlichkeiten zu durchzechen und hin und wieder einige Songs zu schreiben. Mia war diejenige, die sich schlussendlich um alles kümmerte, während der Rest der Kennedys sich in der Welt herumtrieb. Sie war ein wahrer Schatz für diese so zerbrochene Familie.

Sophie seufzte bei dem Gedanken daran, was sie in Wahrheit für diese Menschen alles tat. Man konnte es mit einem unsichtbaren Band vergleichen, das sich fest um die einzelnen Familienmitglieder, ihre Geschichten und all die Emotionen geschlungen hatte und sie zu gegebener Zeit wieder zueinanderführen würde. Sie war immer für Sophie da, und auch wenn diese es nicht gern zugab, so war Mia doch unersetzlich für sie geworden. Seit nun die fünfjährige Haley in ihrem Haus lebte, noch viel mehr. Mia kümmerte sich um ihre kleine Cousine, als wäre sie ihr eigenes Kind. Auch wenn Sophie selbst immer großspurig sagte, dass sie selbst schon genügend Kinder großgezogen hatte, musste sie doch zugeben, dass niemand diesen kleinen Wirbelwind so gut im Griff hatte wie Mia. Leider blieb ihr eigenes Leben dabei auf der Strecke, was allerdings niemandem so recht aufzufallen schien. Scheinbar noch nicht mal ihr selbst.

„Geh und wasch dich gefälligst, du Schmutzfink! Gleich gibt es Essen. Das heißt, wenn Haley dort unten nicht eine kleine Katastrophe hinterlassen hat“, wies Sophie nun ihre Enkelin an.
„Haley oder du?“ Mia streckte ihrer Großmutter die Zunge heraus, salutierte und sagte, während sie sich auf den Weg ins Bad machte: „Zu Befehl, Ma’am!“ Wie aufs Stichwort drang der unangenehme Piepton des Rauchmelders zu ihnen hoch. Erstaunlich schnell verließ Sophie, höchst undamenhaft und überhaupt nicht ihrem Alter entsprechend, fluchend die Treppe, während Mia sich wusch und umzog. Sie legte keinen Wert auf Markenkleidung, dazu fehlte ihr auch schlicht und ergreifend das Geld. Sie trug viel aus Secondhandläden, von Walmart und nicht zuletzt ihre eigenen Kreationen. Das wollte sie nun auch zu ihrem Beruf machen. Sie studierte Modedesign an der Uni in Falmouth. Ein Blick in den Spiegel verriet ihr, dass ihre Haare wieder mal nicht zu bändigen waren. Sie löste daher den Zopf und kämmte sie mit den Fingern, wodurch einzelne Locken entstanden. Mia hasste ihr Haar. Nie war es möglich gewesen, eine schicke Frisur zu machen, wie Lizzy es bei sich gern tat. Mia beneidete ihre Freundin schrecklich darum. Immer sah sie anders aus. Sie experimentierte mit Farbe, ob kurz oder lang. Doch Mias wilde Mähne neigte zur Krause und kringelte sich schon beim kleinsten bisschen Luftfeuchtigkeit.

Ihr Blick fiel wieder auf die Fotos, die am Rahmen des großen Spiegels befestigt waren. Im Moment waren alle wichtigen Menschen in ihrem Leben auf Reisen, und jedes Mal holte Mia eine unsägliche Leere ein, die von Mal zu Mal größer zu werden schien. Seit dem Tod ihres Vaters waren ihre Mutter und ihr Bruder rastlos geworden, und auch sie verspürte eine wachsende Sehnsucht nach etwas, das sie selbst nicht in Worte fassen konnte.

Ihre Mutter und ihre Tante Bea erkundeten vier Wochen lang Afrika, während ihr Bruder Liam und Nic mit ihrer Band in den USA durch die Clubs tourten. Und sie? Sie kämpfte sich durch den Alltag und kam sich oft klein und unbedeutend vor, während die anderen von ihren besonderen Erlebnissen berichteten. Sie sollte ein Mittel gegen Aids oder Krebs erforschen und damit ihrem Leben Bedeutung verleihen. Leider hatte sie nie die Begeisterung ihres Dads für Medizin geteilt. Vielleicht hätte sie Polizistin werden und wenigstens für Gerechtigkeit sorgen sollen. Aber für besonders mutig hielt sie sich auch nicht. Ganz davon abgesehen, dass ihr dafür eine riesige Portion Fitness fehlte. Sicher war sie nicht völlig untrainiert, denn sie tanzte Ballett und gab regelmäßig Unterricht, doch sie war meilenweit davon entfernt, in dieser Richtung erfolgreich zu sein.

Eigentlich gab es nicht viel, was sie besonders gut konnte. Sie war in jeder Hinsicht chaotisch. Ihr Zimmer war unordentlich, mit den viel zu vielen Büchern, Klamotten oder Stofffetzen, die überall herumlagen, und nicht selten hatte sie sich schon auf ein Nadelkissen gesetzt. Ihre Schlüssel fand sie nie rechtzeitig, sie verschlief regelmäßig, und nie hatte sie alles für ein anständiges Abendessen da. Sie schrieb sich Einkaufszettel, ja wirklich, doch die vergaß sie in der Uni oder im Auto oder, oder, oder …
Doch eins konnte sie ziemlich gut: zeichnen. Schon als Kind war sie ein Naturtalent gewesen. Ihre Eltern hatten ihr die besten Kunstlehrer bezahlt, um dieses Talent zu fördern und ja nicht zu vergeuden. Das hatte ihre schlechten Noten in Mathe oder Biologie aber auch nicht wettmachen können. Nun war sie dabei, ihr Hobby zum Beruf zu machen und Kleidung zu entwerfen.
Momentan absolvierte sie ein Praktikum für ihr Studium bei Cathleen Harding. Sie war eine tolle Designerin, allerdings für gediegenere Mode, was es Mia und Cathleen oft schwer machte, auf einen Nenner zu kommen.

Ihr Blick fiel auf das Foto von ihrem Bruder und einem jungen Mann, der schief grinste. Nic … Wie lange war es nun her, dass sie zuletzt mit ihm gesprochen hatte? Durch die Zeitverschiebung waren es seltene Anrufe geworden, und mit jedem verstreichenden Tag wurde die Einsamkeit um sie herum unerträglicher. Früher hatte sie seine Abwesenheit schon als verstörend empfunden, doch in den letzten Monaten wurden seine Aufenthalte in Bodwin immer seltener und kürzer. Domenic Donahue war seit beinahe vier Jahren mit seiner Band ein Stern am Musikhimmel. Er war der beste Kumpel und Bandkollege ihres Bruders, der Bruder ihrer besten Freundin Lizzy, ihr Nachbar und ihr allerbester Freund.

Das Foto zweier Teenager auf einem Motorroller, die ausgelassen lachten, hing in ihrer Blickhöhe. Ein gut aussehender Junge mit graublauen Augen, verstrubbeltem, dunkelblondem Haar und dem ersten Bartschatten grinste frech in die Kamera und umfing Mia, nur in einer deutlich jüngeren Ausgabe.

Mittlerweile war aus Nic ein erwachsener Mann geworden. Ihre Bindung zueinander hatten sie beide nie wirklich erklären können. Seit einiger Zeit war es komplizierter zwischen ihnen geworden, und es schien immer schwieriger zu werden, je öfter sie getrennt waren. Die Zeitungen waren voll von seinen Fotos mit Fans und seinen Begleiterinnen. Mia empfand seither eine ständig stärker werdende Traurigkeit, denn sie wusste, eines Tages wäre er unerreichbar für sie. Er würde in Amerika leben, weil er dort viel mehr Erfolg hätte als hier, und seine Besuche mussten zwangsweise seltener werden. Letztendlich würde er womöglich eine Frau treffen, die diese Nähe zwischen ihnen nicht tolerieren wollte. Mia konnte das verstehen, denn auch ihre Freunde hatten diese Verbundenheit nicht ertragen können. Schlussendlich waren ihre Beziehungen alle daran zerbrochen. Alle bis auf eine …

Seufzend legte Mia ihre Kleidung für die späteren Ballettstunden heraus. Um sich für ihr Studium etwas nebenher zu verdienen, gab sie in den Semesterferien einen Ballettkurs für Kinder und Jugendliche. Hin und wieder arbeitete sie auch für Jeff, dem die beliebteste Bar in Bodwin gehörte. Ihr Bruder verdiente zwar genug, um locker ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können, sie fand den Gedanken, ihrer Mutter und Liam auf der Tasche zu liegen, jedoch schrecklich. Außerdem liebte sie es, in Jeffs Bar oder mit den Mädchen zu arbeiten.
Mia band ihr Haar im Nacken zu einem Knoten und bändigte die losen Strähnen mit einem Haarband. Mit geschulterter Tasche hüpfte sie die Stufen zur Küche hinunter und sah das Chaos. Die Eingangstür und alle Fenster standen sperrangelweit auf ebenso wie die Tür des Backofens, aus dem es stark rauchte. Der Auflauf war verkohlt, und Mia griff auf dem Weg zur Küche schon zum Telefon. Mit einem Lächeln auf den Lippen nahm sie Sophie in den Arm, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und gab sich dem Versuch hin, zu retten, was zu retten war: Sie rief beim Pizzaservice an.

 

Kapitel 2

„Oh Mia, du solltest dein Gesicht sehen. Köstlich!“ Lizzy lachte ungeniert über den dicken Fauxpas ihrer Freundin. Das war natürlich wieder mal klar gewesen. Egal wo es eine peinliche Situation gab oder wie tief das Fettnäpfchen auch war, Mia schaffte es immer hineinzutappen. Herrgott noch mal … wie schusselig konnte man nur sein? Aber woher sollte sie auch wissen, dass ausgerechnet Bill und Lizzy …
„Ich … nun, du hast nie etwas gesagt, Lizzy. Dann hätte ich doch nie …“
„Ach komm schon, Süße! Wir beide haben nun mal einen völlig unterschiedlichen Männergeschmack. Das ist doch schon lange kein Geheimnis mehr.“ Lizzy zwinkerte ihr zu, und Mia spürte, dass ihre Freundin ihr nicht wirklich böse war. Trotzdem wollte sie sich rechtfertigen.
„Ich hätte doch trotzdem nie so … in der Art über Bill … gesprochen, wenn ich davon gewusst hätte. Warum hast du es mir nicht erzählt?“ Zum Ende hin klang Mias Stimme etwas erbost, und das war sie auch. Wenn Lizzy nur vermutete, dass Mia ihr etwas verheimlichte, wurde Mia so lange ausgequetscht, bis sie es schließlich preisgab. Und nun musste sie erfahren, dass Lizzy Donahue selbst ein paar pikante Dinge vor ihr verborgen hatte. Sie hätte schwören können, dass Lizzys Wangen sich rosig verfärbten, doch die Dunkelheit ermöglichte ihr keinen genauen Blick. Dass sie das noch mal erleben durfte, wie Lizzy – ausgerechnet Lizzy – rot anlief … nicht zu fassen.
Elizabeth Donahue, von allen nur Lizzy genannt, arbeitete in einem Tonstudio in Falmouth und schrieb Songs. Sie war neben Sophie und Haley die Einzige, die Mia nicht allein zurückließ. Im Kindergarten hatte Lizzy ihr mit der Bastelschere einen neuen Haarschnitt verpasst und ihr nachträglich erklärt, wie viel schicker sie damit aussah. So verrückt es auch schien, so war sie seither nie mehr von Mias Seite gewichen, und man konnte sich keine bessere Freundin wünschen. Lizzy studierte BWL an der Uni. In Wahrheit jedoch dümpelte das Studium so vor sich hin. Lizzy war die geborene Songwriterin, doch ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie einen alternativen Weg für ihren Lebensunterhalt finden musste. Während der Semesterferien lebte sie wie Mia in Bodwin bei ihren Eltern und genoss die Zeit des Sich-treiben-lassens. Sie war ein paar Monate älter als Mia und wesentlich verrückter. Jeden zweiten Monat hatte sie eine andere moderne Frisur in den schillernsten Farben. Seit Neustem zierte ihre schmale Nase ein Piercing, und Mia wusste von ein paar Plänen, sich neue Tattoos zuzulegen.

„Lizzy?“, hakte Mia nach und sah, wie ihre Freundin unbehaglich auf dem Fahrersitz herumrutschte. Sie wippte wieder so seltsam mit dem Fuß, was sie immer tat, wenn sie nervös war.
„Nun … ist das nicht offensichtlich?“
Mia bedachte sie mit einem auffordernden Blick, der mit Ärger drohen sollte.
„Also, ich wollte nicht, dass du dich darüber lustig machst“, gab Lizzy kleinlaut zu.
„Das hätte ich doch auch nie gemacht.“
„Nein, aber du hättest so darüber gedacht, wie du es eben verraten hast.“ Nun war Mia sprachlos und musste zögerlich nicken. Lizzy hatte recht.

„Und das, obwohl ich mir immer vornehme, nicht über andere zu urteilen“, murmelte sie vor sich hin. Offensichtlich war es jedoch laut genug, dass ihre Freundin sie verstehen konnte.
„Emilia Kennedy! Du bist die verrückteste und liebste Person, die ich je getroffen habe. Die reinste Mutter Teresa!“
„Ach was!“, entrüstete sich Mia und machte eine wegwerfende Handbewegung.

Lizzy beobachtete ihre Freundin aus den Augenwinkeln und lächelte milde. Sie war ein viel zu guter Mensch. Selbst wenn man ihr regelmäßig auf die Füße trat, vergab sie einem das immer wieder. Doch wie sie selbst so schön zu sagen pflegte: Man durfte niemals darauf stehen bleiben, dann wurde sie zum tasmanischen Teufel. Lizzy grinste, als sie an ein paar amüsante Ereignisse zurückdachte. Man sollte wirklich niemals den Fehler machen und Mia unterschätzen.

Der blaue Toyota bog nun in die nächste Straße ein und hielt auf das letzte Haus zu, das mit den grünen Fensterläden, dem frisch gemähten Rasen und den akkurat arrangierten Rosen im Vorgarten absolute Vorstadtidylle heuchelte. Mia fühlte sich an die Fernsehserie Desperate Housewives erinnert. Sie und Lizzy wechselten einen Blick. So eine Perfektion bereitete ihnen beiden immer schreckliches Unbehagen. Sie brauchten kein Wort zu wechseln, um zu wissen, dass die jeweils andere an den Zustand ihrer eigenen Wohngemeinschaft dachte, die sie ziemlich verwüstet zurückgelassen hatten. Sollte dort einmal jemand nach dem Rechten schauen, würden er glatt die Polizei rufen und einen Einbruch melden.

Sie besuchten die gleiche Universität in Falmouth und teilten sich eine Wohnung ganz in der Nähe des Campus. Mia hatte keinen großen Ordnungsdrang, um nicht zu sagen – gar keinen. Sie liebte, nein, brauchte das Chaos, um denken zu können. Lizzy selbst war genauso wenig aufs Aufräumen und Putzen bedacht, und so kam es, wie es kommen musste: Es herrschte Chaos, überall. Kein Geschirr wurde abgespült und keine Wäsche gewaschen, es wurden lieber neue Slips gekauft, statt am gleichen Tag noch in den Waschsalon zu laufen. Nicht jeder kam mit dieser Art zu leben klar. Lizzy und Mia schienen sich jedoch auch diesbezüglich gefunden zu haben. Mia beschäftigte sich selten mit Pflanzen. Sie liebte es, dass der Garten ihres Elternhauses aussah wie ein … Garten. Überall wucherten bunte Blumen in Sträuchern und Gewächsen. Mia fragte sich gerade, ob die Kanten des Rasens wohl mit der Nagelschere geschnitten worden waren, als ihre Freundin Anabelle durch die Gartentür kam und Mias Gedanken unterbrach.

„Ihr seid aber spät dran! Wir werden nicht mehr rechtzeitig ankommen“, meckerte sie in ihrer üblichen Art.
Lizzy rollte neben Mia mit den Augen und trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad. „Hey, immer langsam. Es ist erst kurz nach acht Uhr. Du hast gesagt, wir sollen gegen acht Uhr da sein, und da sind wir.“
„Eben! Ich sagte gegen acht, nicht nach acht“, wies Anabelle ihre Freundin zurecht. Lizzy machte eine kurze Pause, um theatralisch die Luft einzuziehen, während Anabelle um den Wagen herumging.
„Ganz tief durchatmen, okay?“, murmelte Mia und legte Lizzy eine Hand auf den Arm. Diese sah sie mit einem eindeutigen Blick an und sagte, während Anabelle gerade die Tür öffnete: „Eines Tages …“ Der Rest des Satzes hing unausgesprochen in der Luft. Mia konnte sich denken, zu welchen Ausführungen Lizzy gekommen wäre, hätte Anabelle nicht in Hörweite gesessen. Bevor sie sich auch nur anschnallen konnte, ging es auch schon los.
„Wie kann man nur so eingefahren sein, Himmel noch mal? Dann hättest du sagen sollen …“ Lizzy imitierte Anabelles hohe Stimme nahezu perfekt. „Elizabeth, schaff deinen Hintern vor acht Uhr hierher! Und bevor du noch ein Wort sagst: Schnall dich an, denn du befindest dich an Bord des Terminators.“

Lizzy ließ den Motor aufheulen und machte demonstrativ ein paar Geräusche mit dem Gaspedal. Schließlich fuhr sie mit quietschenden Reifen los, allerdings hoppelte der Terminator nur langsam vor sich hin, was dem Ganzen die Dramatik nahm. Mia unterdrückte ein Lachen und tarnte es schnell als Husten, doch Lizzy bemerkte es trotzdem. Sie verdrehte die Augen und war sehr darum bemüht, Anabelles Geplapper weitgehend zu ignorieren.
Die beschwerte sich schon wieder über Lizzys Fahrstil. Lizzy und Anabelle waren nie wirklich dicke Freundinnen geworden. Lizzy mit ihrer direkten und chaotischen Art passte nicht zu Anabelles perfekt durchorganisiertem Lebensstil. Doch da war etwas an Anabelle, das Lizzy seltsam fand. Sie konnte selbst nicht erklären, was es war, doch bei ihr schrillte Lizzys Vorsicht-falsche-Schlange-Frühwarnsystem los.

Selbst Anabelles Erscheinung ließ keinen Zweifel daran, dass sie äußerst bedacht mit sich umging. Ihre blonden Haare waren schon, seit sie sich vor zwei Jahren kennengelernt hatten, zu einem Pagenkopf geschnitten. Selbst bei den unmöglichsten Wetterverhältnissen schien ihre Frisur perfekt zu sitzen. Mia beneidete ihre Freundin manchmal darum. Sie hatte ein hübsches Gesicht und makellose Haut, die sie regelmäßig in einem Kosmetiksalon pflegen ließ und dafür mit Sicherheit eine Menge Geld hinblätterte. Ihr Make-up war zwar nie übertrieben, doch mit Bedacht gewählt. Ihre Augen betonte sie maximal mit Wimperntusche und hellem Lidschatten, während sie ihren schönen Mund mit trendigen Farben in Szene setzte. Die Männer hingen ihr regelrecht an den Lippen. Selbst Mia musste zustimmen, dass

Sie etwas anstrengend war. Doch sie genoss auch ihre Genauigkeit und ihr Organisationstalent. Vielleicht, weil sie manchmal gern mehr so sein wollte wie Anabelle. Die arbeitete in einer Bank, konnte wunderbar mit Finanzen umgehen und bügelte ihre Unterwäsche samt Socken und Küchenhandtüchern. Dazu fehlte Mia schon seit jeher die Geduld.
Ihr einziger Makel war scheinbar Kevin, ihre umstrittene Affäre. Wenn Mia für ihre Freundin einen Mann hätte aussuchen sollen, dann hätte sie sicher jemanden wie Chris gewählt. Einen Mann, der sich den ganzen Tag in einem Anzug wohlfühlte, seine Unterhosen faltete und sofort wusste, welche Lieblingsspeise auf der Speisekarte eines gut gewählten Restaurants für seine Freundin die richtige war. Ein netter, guter Mann eben. Bei dem Gedanken biss Mia sich schuldbewusst auf die Unterlippe.

Doch Anabelle war dem verruchtesten und draufgängerischsten Frauenhelden verfallen, den es im Umkreis von Falmouth gab. Sie hatte sich das genaue Gegenteil ihrer selbst gesucht und konnte ihm nicht widerstehen. Sie sah in ihm offenbar eine Seite, die Mia und ihren anderen Freundinnen verborgen geblieben war. Wer wusste schon, ob sie wirklich existierte? Denn wirklich kennengelernt hatten sie ihn bisher noch nicht.

Nach zwanzig Minuten Fahrt parkte Lizzy in einer winzig kleinen Parklücke, die Mia nicht einmal im Entferntesten in Betracht gezogen hätte, und sie stiegen aus. Nur einige Meter entfernt sahen sie Lisa, die auf sie wartete. Anabelle ging auf die Letzte im Bunde zu und begrüßte sie mit einem missbilligenden Blick auf Lizzy.
„Entschuldige Süße, aber die Damen hatten mal wieder Verspätung.“
„Ach was! Das macht doch nichts. Ich bin selbst erst vor zwei Minuten gekommen. Hey ihr zwei.“ Sie begrüßte Mia und Lizzy ebenfalls mit einem Küsschen und hakte sich dann bei Lizzy unter. Lisa war mit ihrer langen roten Mähne, ihren wohlgeformten Rundungen und ihrem extragroßen Busen der Traum eines jeden Mannes. Sie hingegen fand ihre Pfunde lästig, und immer wenn Lizzy sie vom Gegenteil zu überzeugen versuchte, winkte sie ab.

„Vielleicht wollen die Kerle mit mir ins Bett, aber glaubst du wirklich, einer würde mir einen Ring an den Finger stecken wollen? Himmel, nein! Er will schließlich keine Frau, die nach zwei Kindern aussieht wie eins der Weather-Girls“, sagte sie dann oft, und Mia musste ein Lachen unterdrücken, während sie an das Gesicht ihrer Freundin zurückdachte. Viel Glück hatte Lisa bisher wirklich nicht mit Männern gehabt. Irgendwo da draußen musste es doch aber einen Kerl für sie geben, oder etwa nicht?
„Lasst uns reingehen. Ich verhungere schon“, sagte Mia und öffnete die Tür zu ihrem Lieblingsitaliener. Pedro, der gepflegteste Mann des Landes, kam sofort auf sie zu. Das Lokal war ein Insider-Tipp. Mit den kleinen, niedlichen Tischchen und der kitschigen Tischdekoration wirkte der Laden völlig unscheinbar. Doch die vier Frauen, und mittlerweile auch eine ganze Reihe anderer Leute, wussten das Ambiente zu schätzen, denn nirgendwo sonst gab es so leckerere italienische Köstlichkeiten. Pedros liebe und gleichzeitig herrische Mama kochte die Gerichte hier noch selbst, während ihr Sohn und ein paar Kellner sich um die Gäste kümmerten. Pedros strahlend weiße Zähne kamen zum Vorschein, während er seinen ausgeprägten Mund zu einem Grinsen verzog. Sein kinnlanges Haar war mit einer halben Dose Gel nach hinten gekämmt.

„Oh meine wunderschönen Bellas!“, rief er zur Begrüßung, und keine der vier konnte sich des Gefühls erwehren, etwas Besonderes zu sein. Auch wenn Mia glaubte, dass das zu seiner Verkaufstaktik gehörte. Er umfing Mias Taille und drückte ihr einen Kuss auf beide Wangen. Diese Begrüßung wiederholte er bei jeder ihrer Freundinnen. Sollte eine von ihnen zuvor auch nur ein leicht angekratztes Selbstwertgefühl gehabt haben, so war das im Nu verflogen. Beinahe sofort plapperte er drauflos und erzählte von seiner letzten fragwürdigen Eroberung. Seine Art war locker, aber diskret. Man fühlte sich sofort wohl in seiner Nähe. Nachdem er sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt hatte, verschwand er mit der Getränkebestellung hinter der Bar und überließ die Frauen sich selbst. Nur kurze Zeit später war die Neugierde von Mias Freundinnen förmlich mit Händen greifbar.
„Und wie läuft es zu Hause, Mia?“, wollte Lizzy so beiläufig wie möglich wissen. Mia warf ihr einen abschätzigen Blick zu.
„Ach was, hören wir auf mit dem unwichtigen Quatsch“, empörte sich Anabelle und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, während sie ihr Weinglas leicht hin und her schwenkte.
„Ich finde es alles andere als unwichtig“, stellte Lizzy scharf klar.
„Du hast wahrscheinlich auch schon alles gehört“, gab Anabelle zurück, und Lisa nickte zustimmend.
„Eins zu null für Anabelle“, entschied sie und schenkte Lizzy einen entschuldigenden Blick, was diese mit einem missbilligenden Kopfschütteln kommentierte. Ja, sie kannte die Geschichte, fand es jedoch abartig, wie sich die anderen beiden wie Aasgeier, allen voran natürlich Anabelle, darauf stürzten.

„Nun?“, fragte Lisa auffordernd und sah Mia eindringlich an. „Wie war der Abend mit Chris?“
Mia nahm gemächlich einen weiteren Schluck Wein, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „Er hat mich gestern um acht zu Hause abgeholt, hat mich schick ausgeführt und mich gegen halb zwei wieder zu Hause abgeliefert“, erklärte sie schlicht und bemerkte sofort Anabelle triumphierendes Augenblitzen.
„Ja … und?“
„Was und?“
„Na, wie war es? Was hat er so gesagt? War er mit bei dir im Haus, oder seid ihr auf direktem Weg zum Essen gefahren? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, forderte Anabelle sie auf. „Es war ein schöner Abend, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Wirklich nicht!“
Verständnislos musterte Lisa ihre Freundin. „Es wäre ein gelungener Abend gewesen, wenn er dich zu sich eingeladen und dir sein Bett gezeigt hätte, Liebes“, sagte sie und lachte vergnügt.
Mia schüttelte den Kopf. „Wer sagt euch, dass er das nicht getan hat?“„Warum hätte er dich dann noch nach Hause bringen sollen?“, hakte Lisa irritiert nach.
„Weil wir eine lockere Affäre haben und mehr nicht“, gab Mia offen zu.
„Na spuck’s schon aus … Was war es diesmal?“, fragte Anabelle und sah ihre Freundin missbilligend über den Tisch hinweg an.

Mia versuchte gar nicht erst, etwas zu leugnen. „Es waren eher so Kleinigkeiten! Er hat sich geduldig Sophies Ausführungen über die Raserei der jungen Leute angehört, bei den passenden Stellen artig genickt und Haley so gut es ging von seinem teuren Armani-Anzug ferngehalten.“
„Was ist daran so schlimm? Ich meine, du sagst das so, als sei es ein Kapitalverbrechen“, fragte Anabelle. Bevor Mia auch nur zu einer Antwort ansetzen konnte, fügte sie noch hinzu: „Ich meine, es war Armani. Da kann man doch verstehen, wenn er nicht unbedingt scharf auf Schokoladenfinger war, oder?“

Mia rollte mit den Augen, ging jedoch nicht weiter darauf ein. „Ich hatte auf der Speisekarte ein Auge auf Pilzravioli geworfen, doch er hat mich so lange bearbeitet, bis ich schließlich zu dem Gericht umgeschwenkt bin, zu dem er mich kriegen wollte. Es war ganz in Ordnung, aber ich hatte das Gefühl, keine eigene Wahl gehabt zu haben.“
„Ich finde es süß, wenn der Typ dir was empfiehlt. Er versucht dich doch nur einzuschätzen“, warf Lisa ein.
„Oder zu prahlen!“, gab Lizzy zu bedenken, wurde jedoch geflissentlich ignoriert.
„Außerdem hättest du es ja nicht nehmen müssen, oder?“, sagte Anabelle.
„Ich wollte eben nicht unhöflich sein. Irgendwie fehlt mir halt was bei ihm. Das ist alles!“
„Es fehlt doch immer was!“, warf Anabelle genervt ein, und Lizzy fragte sich, warum sie sich so aufregte. Was hatte sie davon, wenn es Mia nun mal nicht ernst genug mit Chris war?
„Und dann?“, fragte Lisa noch mal nach.
„Nichts und dann. Es war ein angenehmer Abend. Wir mögen uns und hatten wirklich viel Spaß miteinander.“
„Mia, was willst du eigentlich noch?“, fragte Anabelle, und die Atmosphäre am Tisch war plötzlich aufgeladen.

Lizzy wollte eingreifen und etwas erwidern, weil sie genau wusste, bei welchem Thema sie ankommen würden, und das wollte sie Mia heute ersparen. „Sag mal, auf wessen Seite stehst du eigentlich?“, maulte sie ungewöhnlich angriffslustig.
Doch ihre Freundin setzte sich selbst zur Wehr. „Was willst du damit sagen?“
„Was willst du denn noch von diesem Kerl? Chris zieht alle weiblichen Wesen an wie das Licht die Motten. Er arbeitet bei einem großen Unternehmen und verdient einen Haufen Kohle, und er interessiert sich wirklich für dich. Er hat schon ziemliche Geduld bewiesen und lässt nicht locker, obwohl du ihn immer auf Abstand hältst. Abgesehen davon sieht er einfach wahnsinnig gut aus. Was ist es also, was dir noch fehlt?“ Mia zögerte nur für den Bruchteil einer Sekunde, doch schon wieder bekam sie keine Chance. „Ich sag dir, was es ist: Er ist nicht Nic!“
„Na wunderbar!“ Lizzy warf die Serviette auf ihren Teller und lehnte sich angesäuert über den Verlauf des Abends in ihrem Stuhl zurück. „Diesmal hast du es geschafft, uns den Abend schon vor dem Essen zu versauen. Verdammt noch mal, Anabelle!“ Lizzy wechselte einen Blick mit Lisa, die die Ruhe selbst zu sein schien und eher darauf bedacht war, Frieden zu stiften.
„Nur weil er dein Bruder ist, musst du nicht gleich so ausflippen. Ich sag doch nur die Wahrheit. Ich spreche aus, was alle anderen denken“, ereiferte sich Anabelle weiter, während Lisa den drohenden Streit gelassen hinnahm und Mia ein aufmunterndes Lächeln schenkte.

Doch Mia saß ungerührt auf ihrem Stuhl und taxierte Anabelle förmlich. Man spürte jedoch, wie es in ihr zu brodeln begann. Lizzy freute sich insgeheim schon auf das, was gleich kommen würde. Ein Orkan der Stufe neun war nichts im Vergleich zu einer wütenden Emilia Kennedy, und Lizzy war froh, dass sie nur äußerst selten Mias Ziel war. Verbal war sie, bis auf wenige Ausnahmen, unschlagbar.
„Ich frage mich ehrlich gesagt nicht nur, auf wessen Seite du stehst, sondern auch, was du davon hast, mir ständig zu sagen, welcher Typ der Richtige für mich ist?“, brauste sie nun auf. „Ich habe doch jedes Recht der Welt, mir meine eigene Meinung zu bilden. Aber wenn du es unbedingt hören möchtest: Ich denke auch so einiges über dich. Wie kann es sein, dass du meinen Verehrer in den höchsten Tönen lobst und alles als so wunderbar hinstellst, dich aber selber mit einem arroganten und selbstverliebten Casanova zufrieden gibst? Wenn du doch so angetan von Chris bist, warum versuchst du nicht dein Glück mit ihm? Wie kannst du mich ständig belehren wollen und selber scheinst du aus deinen Fehlern überhaupt nicht zu lernen? Als wärst ausgerechnet du die richtige Ansprechpartnerin in Liebesdingen.“

Nun blinzelte Anabelle kurz und versuchte sich zu fassen. Doch bevor sie sich rechtfertigen konnte, fuhr Mia fort: „Ich sag dir mal was! Ich schätze bei einem Mann nicht, wie viel er auf dem Konto hat oder was für ein Auto er fährt oder was für Klamotten er trägt. Und auch wenn ich zugeben muss, dass mir sein Äußeres sicher nicht komplett unwichtig ist, ist es mir doch vollkommen egal, wie wahnsinnig toll er aussieht. Er sollte Humor haben, mich zum Lachen bringen und auch über sich selbst lachen können. Er sollte loyal sein, Freundschaften pflegen und mir ein Gefühl von Sicherheit geben können. Er sollte mir immer eine Wahl lassen und mich nicht pausenlos beeindrucken wollen. Er sollte einfach er selbst sein. Ich schätze Offenheit nun mal sehr. Das mögen alles kleine Dinge für dich sein, doch für mich sind sie wesentlich wichtiger als ein Markenschild an seiner Kleidung.“
„Erst mal geht es hier nicht um mich. Ich möchte damit nur sagen, dass du keinen Kerl nahe genug an dich heranlässt, um dich auch wirklich von seinen Qualitäten überzeugen zu können. Du wünschst dir doch in Wahrheit jemanden, der ständig auf anderen Kontinenten unterwegs ist und jede Woche mit einer anderen ‚Bekanntschaft‘ abgelichtet wird.“

Man sah Mia deutlich an, dass Anabelles Worte sie getroffen hatten, doch sie lächelte tapfer weiter. „Ich hab keine Ahnung, wie oft ich dir schon erklärt habe, dass Nic und ich … das ist was völlig anderes. Er ist schon mein ganzes Leben lang mein bester Freund.“ Mia trank ihren Wein in einem Zug leer und bestellte sich sofort einen neuen.
„Jetzt erzählst du uns schon wieder diesen Freundschaftsquatsch! Wenn Nic nur ein Freund ist, warum lässt du dann alles stehen und liegen, sobald er sich mal meldet? Und warum misst du jeden Mann insgeheim an ihm? Ich bitte dich, wir sind doch alle nicht blind oder blauäugig.“
„Was Anabelle dir glaube ich sagen möchte, Mia, ist, dass wir uns nur Sorgen um dich machen. Du warst seit Jake mit niemandem mehr so richtig zusammen. Du weißt schon …“, mischte sich nun auch Lisa leise ein und blickte mitfühlend zu Mia hinüber.
„Ich bin nun mal nicht der Typ, der sich sofort in eine ernste Geschichte verstrickt … war ich auch noch nie, wie ihr wisst! Es hat bisher einfach noch nicht richtig gefunkt. Wer kann von euch denn eine feste Beziehung vorweisen? Aber ihr könnt beruhigt sein … Ich treffe Chris weiter, und solange wir mit dieser Affäre glücklich sind, sollte euch der Rest egal sein.“ Wie aufs Stichwort kamen Pedro und zwei Kellner an ihren Tisch getrabt und überreichten ihnen Mias Wein und ihre wohlriechenden Gerichte. Als Lizzy auf Mias Teller blickte, sah sie … Pilzravioli.

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