Leseprobe XXL: Backstage Love – Kopfüber verliebt

zurück

1. Kapitel

Aufgeregt zupfte Lisa an ihrem schwarzen Trenchcoat, den sie fest um die Hüften gebunden hatte. Sie trug die schwarzen, unglaublich hohen Pumps, die sie so oft für Ethan hatte anziehen sollen. Dazu trug sie ihre rote, lockige Mähne offen und an ihren Ohren baumelten goldene Kreolen. Ihr Make-up war dezent, sie hatte nur ihren schönen Mund mit einer kräftigen Farbe in Szene gesetzt. Ihre Beine waren frisch rasiert und sie duftete nach dem teuren Parfüm, das er ihr erst vor einer Woche geschenkt hatte. Der Duft war ihr etwas zu schwer, aber sie wollte nicht undankbar erscheinen und ihm eine Freude machen.

Lisa stieg aus dem Aufzug und betrat die Etage der Büros. Sie war erleichtert, dass kaum noch jemand dort war, um irgendwelche Akten zu sortieren. Man hätte ihr wahrscheinlich von der Stirn ablesen können, dass sie unter diesem Trenchcoat bis auf einen hauchdünnen, roten Spitzenslip nackt war. Zum ungefähr einhundertsten Mal fragte sie sich, was sie hier überhaupt tat? Sie musste verrückt sein, dass sie diese Show abzog. Andererseits wollte sie, nach der gestrigen Entdeckung in Ethans Büroschublade, alles daran setzen, um ihn in eine besondere Stimmung zu versetzen. Sie sah auf ihre Uhr und sagte sich, dass noch genügend Zeit blieb, um pünktlich zu Lizzys Verlobungsfeier zu erscheinen. Sie wollte aber auf keinen Fall ihre eigene Chance auf eine Verlobung verpassen, nur weil sie zu Gast auf einer anderen Feier eingeladen war.
Sie blieb vor der geschlossenen Tür zu Ethans Büro stehen, fuhr sich durch die Locken und befeuchtete die Lippen.

Dann drückte sie die Klinke hinunter und trat in den schummrig erleuchteten Raum hinein. Es brannte eine Kerze und Lisa vernahm ein seltsames Geräusch.
„Ethan?“, rief sie unsicher und sah den dunklen Haarschopf ihres Freundes hinter dem Schreibtisch auftauchen. Erleichterung überkam sie. Sie wollte auf keinem Fall dem Professor in diesem Aufzug in die Arme laufen.
Ethan starrte sie mit großen Augen an. „Li… Lisa?!“, stotterte er.
„Wer sonst?“, lachte sie.
„Was tust du hier? Wolltest du nicht zu dieser Party fahren?“, fragte er ungewohnt schroff.
„Nun, ich wollte dich überraschen, da du ja leider nicht mitfahren kannst, um meine Freunde kennenzulernen. Wo du schon mal arbeiten musst: Ich habe hier eine Stelle, die du dir mal ansehen solltest …“ Sie öffnete aufreizend langsam den Trenchcoat und positionierte sich so, dass er sie völlig nackt betrachten konnte. Sie sah, wie er schluckte und die Augen gequält schloss.

Sie hörte weitere Geräusche und dann verschlug es ihr die Sprache, als sich eine weitere Person zu Wort meldete: „Was geht hier eigentlich vor sich, Ethan-Schatz?“ Der Kopf einer Blondine tauchte neben Ethan auf und funkelte zuerst Ethan und dann Lisa böse an. Irgendwo in ihrem Kopf sagte ihr eine Stimme, dass sie die Frau kannte und, dass sie erst heute Morgen dem Personal als neue Chirurgin vorgestellt worden war. Wenn Lisa in dieser Zeit ihre

Aufmerksamkeit dem Professor gewidmet hätte anstatt mit Rachel über den Ring in Ethans Schreibtischschublade zu tuscheln, wäre ihr nicht entgangen, dass sie die Tochter des Chefs war. Fassungslos starrte sie die beiden Köpfe vor ihr an, die in einer seltsam verdrehten Art an ein Puppen Theater erinnerten, und bemühte sich eins und eins zusammenzubringen. Eilig schloss sie den Trenchcoat vor den Augen der beiden in flagranti erwischten Menschen und stand hilflos im Raum.
„Liebling, ich kann dir das erklären …“, begann Ethan.
„Lass mich raten: Es ist nicht so, wie du denkst?“, fragte Lisa tonlos. Das Gefühl mit dem Boden fest verwachsen zu sein nahm sogar noch zu.

Doch Ethan achtete gar nicht auf sie. Er blickte nur die fremde Frau an, die antwortete: „Ich fass es nicht! Am Tage unserer Verlobung besitzt du die Frechheit eins deiner Flittchen hierher zu bestellen …“ Lisa fiel aus allen Wolken, als klar wurde, dass nicht sie mit „Liebling“ gemeint gewesen war. Sie starrte schockiert auf die surreale Situation, die sich ihr bot. Sie erwischte ihren Freund in flagranti mit einer anderen und dann stellte sich heraus, dass nicht sie die betrogene Freundin war. Nein, sie war die andere Frau.
„Miranda …“
„Du bist verlobt?“, rutschte Lisa die eine elementare Frage heraus, die in ihrem Kopf zu existieren schien. Die Blondine hatte sich Ethans Hemd übergezogen und sah sie herablassend an, während sie die linke Hand hob, an der ein großer Diamant funkelte. Dieser Ring sah dem, in Ethans Schublade verdammt ähnlich und Lisa schnappte nach Luft. Sie spürte, wie all ihre Zukunftsträume der letzten zwei Tage in Rauch aufgingen und förmlich niederbrannten.

Sie konnte nicht fassen, was sie gerade gehört hatte und wandte den Blick mühsam von der fremden Hand mit ihrem bereits Probe getragenen Ring ab und taxierte Ethan, der sich gar nicht wohl in seiner Haut zu fühlen schien.
„Wie konntest du mir das nur antun?“, fragte sie mit ungewohnt brüchiger Stimme. Sie konnte die aufkeimenden Tränen nicht mehr lange zurückhalten. Schnell wandte sie sich um und schlug sich, bei dem Versuch die Tür schwungvoll zu öffnen, die Kante vor die Stirn. Tiefer konnte Lisa nicht mehr sinken und so rannte sie mit ihrem Trenchcoat und den viel zu hohen Pumps ungelenk zum Aufzug zurück. Auf dem Weg knickte sie mit dem Fuß um und brach sich den Absatz ab. Der Schmerz erwischte sie kalt, doch Lisa verkniff sich mit Mühe jede Träne. Sie wollte nur noch fort von diesem Ort. Also zog sie sich beide Schuhe aus und ging erhobenen Hauptes auf die Aufzugtür zu. Sie drückte fordernd auf den Knopf und wartete ungeduldig. Sie wagte es nicht sich nach Ethans Büro umzusehen, aus Angst er könnte ihr folgen. Jedoch war diese Sorge völlig unbegründet. Denn keiner der beiden befand es offenbar für nötig ihr nachzueilen. Sie vernahm nur laute Stimmen aus seinem Büro. Wie dumm war sie nur gewesen?

Gerade als Lisa dachte es könnte nicht mehr schlimmer kommen, ging die Aufzugtür auf. Sie wischte ihre Nase am Trenchcoat ab und blickte einem streng wirkenden Mann in Schlips und Anzug entgegen, der sie durch seine kleinen Brillengläser scharf musterte.
Der Professor stattete seinem Büro offenbar noch einen spätabendlichen Besuch ab. „Was haben sie hier zu suchen, Miss?“
„Das frage ich mich auch“, schnappte Lisa mit Schamesröte im Gesicht. Plötzlich wog der Seidenslip fünfzig Kilo und Lisa bemühte sich jede ihrer Kurven, vor dem Chef zu verbergen. Es war ja schließlich nicht so, dass er einen Röntgenblick hatte und durch den Mantel sehen konnte. Und dennoch fühlte Lisa sich vollkommen entblößt vor ihm. „Professor MacAllister.“ Sie wandte den Blick von ihm ab und wartete darauf, dass der Aufzug sich schloss und sie endlich allein war. Sie sah den Professor zu ihr zurückblicken, als die Tür zuging. Lisa schloss die Augen und spürte den wellenartigen Schmerz dieser Enttäuschung über sich hinweg spülen. Wieso nur geschah das immer ihr?

Was hatte sie dem Universum bitte angetan, dass sie eine Enttäuschung nach der anderen ertragen musste? Was war mit all diesen Typen nur los? Wieso zog sie diese Männer nur magisch an? Dabei hatte Ethan überhaupt keines dieser Klischees erfüllt. Er war aufmerksam gewesen und hatte Lisa über einen Monat umworben, bevor sie mit ihm ins Bett gegangen war. Sie waren im Kino gewesen, hatten oft Essensverabredungen gehabt und Lisa wusste dank seines Einsatzplans im Krankenhaus, dass er fast jede freie Minute mit ihr verbracht hatte. Deswegen hätte sie nicht einen Augenblick an seiner Aufrichtigkeit gezweifelt, und es überhaupt in Erwägung gezogen, dass es noch eine andere Frau gegeben hatte.

Wenn sie allerdings jetzt an den heutigen Morgen dachte und sich die Worte des Chefs in Erinnerung rief, holte sie tief Luft. Er hatte stolz von der chirurgischen Arbeit seiner Tochter in der dritten Welt berichtet. Das erklärte vermutlich, warum Lisa für drei Monate Ethans volle Aufmerksamkeit genossen hatte. Seine Verlobte war auf einem anderen Kontinent gewesen. Lisa betrachtete sich in dem Spiegel des Aufzuges. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben und auf der Stirn wurde eine blaue Beule sichtbar. Wie jämmerlich sie doch gewesen war. Hatte sie wirklich gedacht, dass Ethan, jüngster Oberarzt im Falmouther Krankenhaus, gutaussehend und charmant sie heiraten wollte? Wie verzweifelt musste sie sein, wenn sie so drängend auf einen Antrag gehofft hatte? Ein Schamgefühl kroch in ihr empor und Lisa konnte den eigenen Anblick nicht mehr ertragen. Schnell blickte sie auf ihre nackten Füße. Die kirschroten Fußnägel hoben sich stark von der hellen Haut ab. Sie wischte sich kurz über das Gesicht, als der Aufzug auf der zweiten Etage hielt. Die Gesichter, die ihr entgegen sahen waren zwar bekannt, aber sie arbeiteten auf einer anderen Station. Sie warfen ihr kurz einen zweifelnden Blick zu und Lisa bemühte sich ruhig zu bleiben. Da fuhr der Aufzug endlich wieder los.

Die beiden Schwestern machten gerade Feierabend und begannen sich zu unterhalten. „Miranda Regenal heißt sie und soll eine Koryphäe auf ihrem Gebiet sein.“
„Hast du ihre Beine gesehen? Mit diesen Beinen muss sie keine Koryphäe sein. Da reicht es schon, wenn ihr Rock kurz genug ist.“ Lisas selten blöder Einfall schien Ausmaße unbekannter Dimensionen anzunehmen. Der Aufzug öffnete sich erneut und Lisa drängte sich an den beiden Kollegen vorbei. Die Drehtür zum Ausgang hakte, weil eine leere Plastikflasche sich zwischen die Tür verkeilt hatte. Sie stieß mit aller Macht dagegen, aber erst nach dem dritten Versuch flog die Flasche fort und Lisa eilte aus dem Krankenhausfoyer. Sie war sich der vielen Blicke in ihrem Rücken durchaus bewusst und versuchte möglichst unerkannt zu ihrem kleinen Peugeot zu gelangen.

Als sie die Tür hinter sich zuschlug, ließ sie den Kopf gegen das Lenkrad sinken. Das Auto war ihr Zufluchtsort und endlich gab sie ihren Gefühlen nach und verdrückte ein paar Tränen. Ob diese Tränen aus Kummer, Enttäuschung oder Scham waren, konnte sie nicht sagen. Nach einer ungewissen Zeit erinnerte sie sich wieder an die Verlobungsfeier ihrer Freundin und hob den Kopf. Alles in Lisa schrie danach, dass sie diese Feier ausfallen lassen sollte. Doch sie würde neben Mia und Misha eine von Lizzys Brautjungfern darstellen und sie konnte ihre Freundin unmöglich derart vor den Kopf stoßen. Sie klappte die Sonnenblende herunter und betrachtete ihr trauriges Gesicht.

Sie würde das machen, was sie immer tat. Sie würde ihre Gefühle hinunter schlucken und tun was man eben von ihr erwartete. Doch zuerst brauchte sie eine Möglichkeit sich in ihr Kleid zu zwängen, oder irgendetwas anzuziehen.

***

Der Blick in den Spiegel zeigte eine junge Frau, mit teils blonden, teils blau gefärbten Haaren und blauen Augen. In diesem Moment waren die Augen mit einem grauen Kajalstift fein umrandet und mit zarten Lidschattenfarben betont. Ihre Lippen glänzten dank des Lipgloss` honigfarben. Die glatten Haare fielen offen über den Rücken. Das grüne Kleid aus Seide und feiner Spitze schmiegte sich an den schlanken Körper. Ihre Hand zitterte leicht, als sie mit einem Taschentuch die Reste des Kajals unter den Augen säuberte. Sie starrte sich an und zwang sich nicht weiter nachzudenken. Heute war ihr großer Tag. Sie legte wie mechanisch die Uhr an und streifte den zarten Silberring mit dem großen blauen Diamant über ihren linken Ringfinger. Sie hielt den Ring mit ihrer rechten Hand ganz fest und schloss die Augen. Wirre Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Plötzlich ertönten schrille Stimmen, die sie wieder aus dem Gedankenkarussell befreiten. Sie blickte den zwei bekannten und sehr geliebten Gesichtern im Spiegel entgegen und tat das erste, was ihr einfiel: Sie lächelte.

„Wow! Du siehst einfach wunderschön aus, Lizzy“, sagte Mia ehrlich hingerissen und lächelte zurück. Lynn hingegen kämpfte beinahe sofort mit den Tränen und klaute eins der Kosmetiktücher auf Lizzys Schminktisch. Seit Lynns Sieg über den Krebs war sie unglaublich nahe am Wasser gebaut, was Lizzy jedes Mal daran erinnerte, dass ihre Mutter diesen Tag beinahe nicht miterlebt hätte. Spätestens dann traten Lizzy ebenfalls Tränen in die Augen. Sie wandte sich zu ihrer Mutter um und schloss sie in die Arme.

„Es tut mir so leid. Ich weiß, ich bin schrecklich“, stammelte sie unter Tränen und Lizzy schüttelte den Kopf.
„Nein Mum, ich verstehe schon.“ Sie sah in Lynns blaue Augen und dann lachten sie beide. Mia trat zu ihnen und umfing Lizzys Hand.
Lynn sah von einer Tochter zur anderen. „Eine Donahue ist schöner als die andere. Wir brauchen auf jeden Fall mehr Taschentücher“, bemerkte sie und nutzte diesen Vorwand, um die beiden Freundinnen einen Moment allein zu lassen.

„Ich glaube, du warst niemals schöner, als heute. Aber warum siehst du so nachdenklich aus?“, fragte Mia stirnrunzelnd. Wie immer, durchschaute ihre Freundin sie sofort.
„Bist du sicher, dass du das heute Abend überstehst?“, lenkte Lizzy ihre Freundin gekonnt ab und deutete auf den gewaltigen Babybauch.

Mia seufzte kurz und nickte hastig. „Aber selbstverständlich. Bis auf die geschwollenen Füße und den minütlichen Drang zur Toilette zu gehen, geht es mir prächtig. Als würde mich jemals etwas davon abhalten an der Verlobungsfeier meiner besten Freundin und meines Bruders teilzunehmen. Ich bin schließlich die Trauzeugin. Was mich daran erinnert, dass ich nach dem Schwein sehen wollte. Eine Barbecue-Grillparty kurz vor Weihnachten. Auf so was kann nur mein Bruder kommen.“ Mia murmelte etwas vor sich hin und wandte sich direkt wieder an Lizzy. „Hast du was von Lisa gehört? Ich dachte sie wollte längst da sein.“
„Sie kommt schon noch, Mia.“ Lizzy sah ihrer Freundin nach, wie sie sich mit einer Hand auf dem Bauch durch die Tür zwängte. Der Kindersegen bei Mia und Nic schien kein Ende zu nehmen. Nach Josh hatten die beiden ein Zwillingspärchen bekommen. Grace und Ava wurden im Sommer bereits drei Jahre alt und erfüllten Nic und Mias Leben mit viel Trubel. Lizzy hatte es nicht fassen können, als Mia ihr von ihrer dritten Schwangerschaft berichtete.

Sie war völlig geschockt gewesen. Doch mittlerweile musste sie sich eingestehen, dass Mia für diesen Job besser geeignet war, als irgendjemand anderes. Sie war die geborene Großfamilienmutter. Der Gedanke an ihre tollen Nichten und Neffen, brachte normalerweise nur Stolz in ihr hervor. Heute allerdings, war da auch Traurigkeit. Lizzy lehnte sich gegen die Kommode und zwang sich sofort wieder zum Lächeln, als es an der Tür hämmerte. Lizzy sah seinen braunen Haarschopf und ihr Herz klopfte heftig gegen ihre Rippen. Liam kam in einer Anzugshose und einem weißen, maßgeschneiderten Hemd auf Lizzy zu und sah zum anbeißen aus.

Er grinste von einem Ohr zum anderen. „Oh entschuldigt bitte Miss, ich fürchte ich habe mich in der Tür geirrt. Ich suche meine wunderschöne, etwas verrückte Verlobte. Haben Sie sie zufällig gesehen?“
Lizzy tat, als überlegte sie ernsthaft. „Hm, nein, ich erinnere mich an keine Verrückte. Aber wenn sie Sie in dem Zimmer einer fremden Frau vorfindet, wird sie ganz sicher nicht begeistert sein.“
„Einer atemberaubend schönen und attraktiven fremden Frau, der ich unmöglich widerstehen kann“, ergänzte er mit einem verschleierten Blick. Seine kräftigen Arme umfingen Lizzys Taille und er drückte ihren Körper der Länge nach an seinen. Er beugte sich zu ihrem Hals hinunter und liebkoste ihn bis zu der empfindsamen Stelle an Lizzys Ohr.

Ein leises Seufzen entwich Lizzy, während sich in ihr alles vor Sehnsucht nach Liam und seinem Körper zusammenzog. Sie konnte es selbst kaum glauben, welche Gefühle er nach den Jahren immer noch in ihr auslöste. Sie war die glücklichste Frau der Welt, zumindest war sie das bis vor wenigen Stunden gewesen. Augenblicklich hatte sich ihr Leben verändert und sie stand vor einer Hürde, an die sie niemals gedacht hätte. Aber vielleicht konnte sie dieses Problem vergessen, wenn Liam sie nur noch ein wenig länger hielt und ihr den Atem raubte, wenn er sie so küsste. Liam löste seine Lippen von ihrer Haut und Lizzy knurrte verspielt erbost, was ihren Verlobten zum Lachen brachte.

„Lass uns einfach verschwinden, Liam. Wir könnten diesen Abend auch anders gestalten. Anzüglich lächelnd fuhr sie mit ihrer Hand an seine empfindsamste Stelle, die durchaus bereit erschien.
„Sonst sagst du immer, ich sei unersättlich, du Nervensäge.“
„Ich meine es ernst, Liam!“
Liam runzelte die Stirn und sah sie skeptisch an. „Hat da jemand etwa kalte Füße? Wenn dir das alles zu viel ist, warum …“
„Rede keinen Unsinn, Liam“, beruhigte Lizzy ihren Freund, der wie immer sofort besorgt war. „Ich wollte dir nur ein besonderes Geschenk zu unserer Verlobungsfeier machen.“ Liam grinste breit und Lizzy atmete erleichtert aus. Er machte sich immer so viele Gedanken.
„Gut, ich will nämlich heute Abend jedem meine heiße und absolut bezaubernde Verlobte präsentieren.“ Damit löste er sich von ihr. „Außerdem werde ich Josh beim Schweinehüten helfen. Mia ist eine richtige Glucke, oder?“

Lizzy nickte zustimmend und winkte ihm leicht zu. Als die Tür sich schloss atmete Lizzy erleichtert aus. Es war als fiele eine große Last von ihr ab. Wieso musste ihr das passieren? Nachdem ihr das absolut Beste geschehen war, passierte ihr nun das Unvorstellbarste.
Diesmal war es Lynn, die erneut an dem kleinen Zimmer klopfte und den Kopf hinein steckte. „Liebes, die ersten Gäste kommen gerade. Bist du so weit?“ Lizzy nickte leicht und warf einen letzten Blick in den Spiegel. Sie liebte Liam und hätte alles für ihn getan. Doch konnte sie alles von ihm verlangen?

***

Es gab keinen besseren Ort, an dem sie ihre Verlobung hätten feiern wollen, als in Jeffs Bar. Lizzy und Liam hatten über drei Jahren vor seiner Bar erst zueinander gefunden. Doch viel wichtiger war, dass Jeffs Bar ein Ort war, an dem sie seit jeher ihre Freizeit verbrachten. Jeff hatte ihnen oft eine Cola spendiert, als die Swores, Liams und Nics Band, völlig unbekannt und ausgebrannt waren. Er hatte sie bei ihm in der Bar spielen lassen und ihnen dafür viel zu viel Geld bezahlt. Mia hatte lange für ihn gearbeitet und auch Lizzy war ein gern gesehener Gast. Jeff gehörte mit zur Familie. Es war also nur logisch bei ihm zu Feiern und als sie auf ihn zugekommen waren und ihn darum gebeten hatten, war er sofort Feuer und Flamme gewesen. Er hatte sofort beschlossen, den Laden an dem Tag für alle Gäste zu schließen und ihnen diese Feier zur Hochzeit zu schenken.

Seine Bar hatte eine traumhafte Lage, direkt am Strand. Zu dieser Jahreszeit saßen selbst in Falmouth wenige Gäste draußen. Dafür wurde extra ein Zelt aufgebaut, das sie vor dem frischen Wind schützen würde. Lizzy betrachtete die dekorierte Bar ungläubig. Mia, Lisa, Misha, Celine und ihre Mum hatten wirklich alles gegeben. Lizzy konnte nicht glauben, wie viel Mühe und Arbeit sie sich alle gemacht hatten. Sie blieb an einem der Pfeiler stehen und beobachtete ihren Mann. Liam hatte die Ärmel seines Hemdes bis zum Ellenbogen hochgekrempelt und begrüßte seine engsten Freunde und Bandkollegen. John umarmte ihn herzlich und die Umarmung dauerte einen Augenblick länger, als bei den anderen. Er flüsterte etwas in Liams Ohr und sah flüchtig zu Lizzy. Daraufhin wandte auch Liam seinen Blick zu Lizzy und lächelte glückselig. Es war einer dieser Momente, in denen keiner von beiden etwas sagen musste, um sich zu verständigen. Lizzy hatte sein Blick immer mit Geborgenheit umhüllt, doch heute fühlte es sich anders an. Er war ihre große Liebe und sie wusste, dass er für sie genauso empfand. Aber würden sie füreinander genug sein? Konnte sie das von Liam erwarten?

Ihre Gedanken wurden über Bord geworfen, als sie eine Mähne voller roter Locken mit Mia im Bad verschwinden sah. Lizzy wollte nichts lieber, als ihren Freundinnen hinterher eilen, aber da traten weitere Gäste auf Lizzy zu, die begrüßt werden wollten.

***

„Wo zum Teufel hast du gesteckt, Lisa?“, fragte Mia, während sie ihre Freundin in das kleine Badezimmer schob und die Tür hinter ihnen beiden schloss. Sie wandte sich zu Lisa um und blickte einer Person entgegen, die nichts mit der Frau gemein hatte, die sie bereits so viele Jahre kannte. Absolut nichts. Sie war von all ihren Freundinnen, die stärkste und stolzeste Frau. Auf Mia hatte sie amazonenhaft gewirkt und ein Teil von ihr hatte immer ein bisschen mehr so sein wollen wie Lisa. Sie kümmerte sich um sich selbst und machte immer den Anschein als brauchte sie nie jemanden anderen. Die roten Locken waren ihr Markenzeichen. Lisa hatte solange Mia sie kannte, ein paar Pfunde zu viel gehabt, zumindest wenn man Karl Lagerfelds Vorliebe für Hungerhaken teilte. Das brachte ihrer Freundin aber keine Minuspunkte bei den Männern ein. Wer mochte nicht gern etwas zum anfassen – abgesehen von Karl Lagerfeld? Doch Lisa hatte Pech mit den Männern in ihrem Leben gehabt. Es hatte bei dem Vater angefangen und hatte sich wie eine Pechsträhne durch Lisas Lebensjahre gezogen. Dennoch hatte Mia Lisa nie verzweifelt oder am Rande eines Nervenzusammenbruchs erlebt. Bis heute. Als sie ihre Freundin jetzt ansah, ließ diese ihre Schultern hängen. Alles an ihr wirkte mutlos und zutiefst erschüttert. Sofort war Mia alarmiert.

„Was ist geschehen? Oh Lisa, sag schon! Was ist nur los?“ Sie umfing Lisas Schultern und brachte sie dadurch dazu sie anzusehen. Es sah aus, als hätte sie geweint. Mia drückte sie an sich und streichelte über ihr Haar.
„Ist was mit Abby? Oder mit deiner Mum? Was ist passiert?“, flüsterte sie nach einer Weile eindringlich.
Lisa schüttelte den Kopf und wischte sich über die Augen. „Nein, allen geht es gut. Es ist nur … es geht um … Oh, Mia! Ich komme mir so lächerlich vor.“ Lisa ließ sich auf den Hocker plumpsen und Mia reichte ihr ein Kosmetiktuch, welches Lisa anschließend in ihren Händen drehte. „Ethan … alles ist aus.“
„Nein! Aber wieso denn nur? Es sah doch so gut aus und …“
„Es war eine völlige Katastrophe. Warum glaubst du stehe ich in Jogginghosen vor dir?“ Lisa schüttelte traurig den Kopf und holte tief Luft. „Bitte zwing mich nicht, es heute Abend zu erzählen. Ich möchte, dass Lizzy diesen Abend völlig genießen kann. Sie soll nichts davon erfahren. Wenn ich es nicht sofort mit einem oder mehreren Drinks hinunterspüle, breche ich zusammen. Bitte, Mia, sag ihr nichts!“

Mia nickte und reichte Lisa ihre Hand. „Ganz wie du es wünschst, Süße. Aber du weißt, wir sind immer da für dich und Lizzy wird dich morgen dafür umbringen, dass du es ihr nicht erzählt hast.“
„Mit der halben Portion werde ich schon fertig.“ Lisa lächelte leicht, was sofort wieder erlosch. „Aber das ist wohl das größere Problem.“ Sie deutete auf sich selbst. „So wie ich aussehe, weiß Lizzy sofort, das was im Argen ist. Kriegst du mich wieder hin, Mia?“
„Und ob! Wo ist dein Kleid?“ Lisa deutete auf die Sporttasche, die sie nur auf den Boden gefeuert hatte. Daraus stülpte ein wenig Stoff ihres grünen Kleides hervor.

Die beiden Frauen machten sich an die Arbeit und blickten eine halbe Stunde später gemeinsam in den Spiegel.
„Was hast du nur an deiner Stirn gemacht?“, fragte Mia und tupfte etwas Abdeckstift darüber.
„Frag nicht. Ich dachte schon an ein Pflaster. Aber ich danke dir. Du hast alles aus mir rausgeholt, was unter diesen erschwerten Umständen möglich war. Du hast mich gerettet.“ Mia salutierte vor ihr und grinste. „Was macht mein Patenkrümel?“, fragte Lisa dann, um vom Thema abzulenken.
Mia lächelte glücklich und strich über ihren gewaltigen Babybauch. „Alles in bester Ordnung. Na, sag deiner Patentante Hi“, ordnete sie an. Lisa berührte den Bauch ebenfalls und seufzte. „Du wirst mir morgen alles erzählen, ja?“, bat Mia ihre Freundin liebevoll. Es klang dennoch eher wie eine Ermahnung statt einer Bitte. Das waren ganz klar Sophies Gene. „Und wenn dieser Typ nicht sieht, was für ein wundervoller Mensch du bist, dann ist er es nicht wert.“ Lisas Augen schwammen in Tränen und sie fächelte sich sofort Luft zu. Da klopfte es und Lizzy streckte den Kopf zur Tür herein.
„Wo bleibt ihr denn?“ Mia und Lisa verließen Hand in Hand die Toilette und Lisa umarmte Lizzy, die sie eindringlich ansah. „Was war los?“
„Ein … ein Notfall in der Klinik.“ Skeptisch nahm Lizzy diese Entschuldigung hin und eilte zu Liam zurück. Es war Zeit für ihre Begrüßungsrede.

2. Kapitel

Lisas Fuß schmerzte und obwohl sie nur flache Ballerinas trug, humpelte sie mehr durch Jeffs Kneipe und hatte nur wenig mit der Beschreibung ihres Kleides gemein: ‚Fühlen Sie sich leicht und frei wie eine Elfe‘, hatte unter dem Bild im Katalog gestanden. In diesem Augenblick fühlte Lisa sich allerdings gar nicht leichtfüßig wie eine Elfe, sondern eher wie ein dicker, ungeschickter Troll. Sie fasste die Bar fest ins Auge und bestellte einen Tequila. Krampfhaft krallte sie sich am Tresen fest.
Jeff sah Lisa stirnrunzelnd an. „Bist du sicher, dass es nicht eher einer dieser Mädchen-Cocktails sein soll, den du sonst immer bevorzugst?“ Lisa sah ihn finster an und Jeff beeilte sich ihr ein Schnapsglas hinzustellen. „Ist was mit Abby?“, fragte er vorsichtig und schenkte das Gesöff ins Glas. „Oder Margie?“ Lisa schüttelte den Kopf und verzichtete auf das Salz und kippte den Schnaps in einem Zug hinunter. „Willst du nicht auf die Zitrone warten?“, rief Jeff. Das Glas klapperte bereits auf den Tresen und sie bedeutete ihm, nachzuschütten. „Bist du sicher?“ Lisa hob die Augenbrauen bedeutsam und Jeff beeilte sich nachzuschütten. „Willst du vielleicht darüber reden?“
„Was muss ich tun, damit du deine therapeutischen Gene nicht an mir verausgabst?“, fragte sie schnippisch und seufzte direkt danach. „Entschuldige, Jeff! Du und dein Tequila, ihr seid das absolut Beste an meinem Tag. Aber ich werde meiner Freundin nicht den besten Tag in diesem Jahr kaputt machen, um über mein verkorkstes Leben und den Männern darin zu reden. Ich liebe dich Jeff, wirklich, aber heute bin ich nicht zum plaudern hier. Ich will betrunken werden – und zwar pronto!“

Jeff holte tief Luft und griff über den Tresen nach Lisas Hand. „Wer es auch immer mit dir versaut hat, hat den Dachschaden seines Lebens. Du bist großartig Lisa und wunderschön noch dazu.“
„Du sollst mich auch nicht zum Weinen bringen. Also schütte einfach nach oder weißt du was? Lass mir direkt diese verdammte Flasche da.“ Er sah skeptisch aus.
„Hey, Jeff, hör auf die junge Lady. Sie sieht nicht so aus, als würde sie ein Nein gelten lassen“, mischte sich eine andere männliche Stimme ein. Lisas Blick glitt zu dem übernächsten Barhocker, auf dem einer von Liams Bandkollegen saß. Er hatte die Beine weit auseinander gespreizt und die Füße lässig auf den unteren Tritt des Hockers gestellt. Er trug dem Anlass entsprechend ein schwarzes Hemd, das er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte. Über dem Hemd trug er eine edle Weste, die aber an ihm nicht konservativ wirkte. Vielleicht lag das an seinen ungewöhnlich breiten Schultern und den tätowierten Armen. Sein Haar war dunkel und zu einem kleinen Zopf zusammengebunden.

Lisa blickte in sein grinsendes Gesicht, das sie natürlich kannte, aber nie so nah betrachtet hatte. Sie waren sich zwangsläufig in den vergangenen Jahren durch die gemeinsamen Freunde ein paar Mal über den Weg gelaufen, aber stets in größeren Kreisen, so dass sie nie engeren Kontakt gehabt hatten. Er trug mittlerweile einen drei Tage Bart. Das Letzte, was Lisa heute Abend gebrauchen konnte, war ein männlicher Gesprächspartner, der sie wegen seines Aussehens und seiner Bekanntheit nervös machte. Sie wollte genau genommen nie wieder in der Gesellschaft eines Mannes sein.
„Verfluchte Scheißkerle“, entfuhr es Lisa leise, jedoch laut genug, dass Jeff und der Fremde, dessen Namen sie vergessen hatte, es hörten. Sie sah, wie er inne hielt und heftig schluckte. Gut so. „Jeff? Ich nehme die Flasche und bin draußen. Falls Lizzy mich sucht, sag ihr … ich sei gegangen, ja?“ Jeff traute sich offenbar nicht Lisa zu widersprechen und schob ihr die Flasche rüber.

„Geh nicht zum Strand, Süße!“, rief er ihr noch nach, was Lisa nur mit einer erhobenen Hand kommentierte. Sie humpelte mit ihrem verletzten Fuß, dem Schnapsglas und der Flasche Tequila in der Hand aus der Bar. Lieber wollte sie gar nicht erst wissen, wie unattraktiv sie für die restlichen Gäste aussehen musste. Sie öffnete die Tür zur Veranda, auf der einzelne Lichterketten leuchteten, aber kaum jemand zu sehen war. Kalte Luft schlug ihr entgegen, die sie erleichtert in ihre Lungen sog. Falmouth mochte einer der wärmsten Orte ganz Englands sein, aber im Dezember war es eben auch hier recht kalt. Sie liebte dieses Fleckchen Erde und fühlte sich nirgendwo mehr zu Hause. Das dunkle Meer, die Sterne am Horizont, den fast vollen Mond und das Rauschen der Wellen ließ Lisa für eine winzige Sekunde vergessen, was sie am heutigen Tag erlebt hatte. Sie humpelte zu den Stufen, die zum Strand hinunterführten und ließ sich unelegant auf den Po fallen und bereute bereits, dass sie keine Jacke mit hinausgenommen hatte.

Allerdings brachte sie auch nichts dazu, wieder hineinzugehen. Nur mit Mühe hatte sie diesen Abend voller Liebesbezeugungen zwischen Lizzy und Liam überstanden. Es war nicht so, dass sie sich nicht für Lizzy freute. Im Gegenteil! Sie war verrückt vor Glück, dass Lizzy ihren Mr. Right gefunden hatte. Doch ausgerechnet an Lizzys glücklichsten Tag hatte sie eine erneute herbe Enttäuschung erlebt, die so ungeheuerlich war, dass es sie daran zweifeln ließ, jemals so eine Liebe für sich selbst zu finden. Eine Träne bahnte sich den Weg über die Wange, die sie entschlossen fortwischte. Lisa schloss die Augen, als sie an die Stunden vor dieser Party zurückdachte. Sie kam sich so albern vor. Wie hatte sie nur glauben können, dass sie für Ethan mehr gewesen war, als ein Zeitvertreib? Wie hatte sie nur ernsthaft erwarten können, dass dieser Ring in Ethans Schublade für sie selbst bestimmt war? Wie sollte sie nur daran glauben, dass es auf dieser Welt jemanden für sie gab? Den perfekten Deckel für ihren Topf. Vielleicht hatte Tante Margie recht und Lisa war ein Wok.

Plötzlich spürte sie eine warme Decke über ihren Schultern und Lisa sah erschrocken in das Gesicht des Mannes von der Bar und in die blausten Augen, die sie je gesehen hatte. Sie brauchte eine Sekunde bis sie sich gefasst hatte, beschämt auf ihre Füße sah und ihre Tränen fortwischte.
„Entschuldige, ich dachte es wäre zu kalt in diesem Aufzug …“
„Ist das deine Art, Frauen anzubaggern?“ Lisa rollte mit den Augen und der Kerl von Jeffs Bar räusperte sich vernehmlich.
„Nein, es ist eher der Versuch, dich davor zu bewahren volltrunken im Meer zu ertrinken oder dir eine Lungenentzündung einzufangen.“
„Sehe ich so selbstmordgefährdet aus?“
„Ich hätte es eher als mitgenommen bezeichnet“, beruhigte er sie gelassen, sprang lässig die Stufen runter und ließ sich Lisa zu Füßen nieder. Er zauberte aus seiner anderen Hand ein paar Tiefkühlerbsen hervor. Ganz selbstverständlich ergriff er ihren Fuß, zog den Schuh aus und betrachtete ihren Fuß einen Augenblick wie erstarrt.

Wenige Sekunden danach bewegte er ihn vorsichtig, bis Lisa ein gedämpfter Schrei entwich. Er sah entschuldigend zu ihr hoch und tastete dann den Knöchel entlang.
„Woher kannst du das? Ich meine, so als Rockstar hat man doch keine medizinische Ausbildung, oder?“
„Ich war in meiner Jugend lange Zeit bei der freiwilligen Feuerwehr und wurde dort zum Sanitäter ausgebildet.“ Das erstaunte sie nun doch. Lisa betrachtete seine langen kräftigen Finger und konnte die aufkommende Frage in ihrem Kopf nicht unterdrücken, wie geschickt diese Hände wohl in anderen Dingen waren? Sie errötete und schüttelte schnell den Kopf. Endgültig hatte sie die Nase voll von den Männern. Für alle Zeit. Se würde einfach beschließen lesbisch zu sein, so wie es ihre Schwester getan hatte.
„Wie kommst du denn dazu?“

Der nächste Satz purzelte so aus ihrem Mund heraus, dass sie nichts dagegen tun konnte. „Lesbisch zu werden?“ Er blickte sie irritiert an und Lisa schüttelte erneut den Kopf. „Entschuldige, was war die Frage?“
„Was hast du deinem Knöchel nur angetan?“
Lisa sah auf ihren schmerzenden Fuß und war erschrocken, wie blau er angelaufen war. Das hatte sie überhaupt nicht bemerkt. Ihr kleiner Unfall musste schuld daran sein. „Wenn ich dir das erzähle, muss ich dich umbringen“, sagte sie geheimnisvoll und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Er legte den Beutel gefrorener Erbsen auf ihren Knöchel und lagerte ihren Fuß auf seinen Schoß hoch, was wieder unanständige Gedanken durch Lisas Kopf jagte.

„Woher hast du die Tiefkühlerbsen?“
„Sagen wir einfach, ich habe hier bei Jeff häufiger welche gebraucht.“
„Bei euren Raufereien unter Rockstars?“
Er hielt inne und sah Lisa an. „Eher für die unzähligen Beulen und Verletzungen meiner Mädchen.“
„Deiner Mädchen? Wie viele waren es denn?“
Er schmunzelte und sah aufs Meer hinaus. „Zwei. Meine älteste Tochter ist neun und die Kleine ist gerade erst gestern sechs geworden.“
Lisa erstarrte und sagte nur: „Ups!“ Am liebsten hätte sie den Kopf gegen das Treppengeländer geschlagen.
„Bist du entschlossen, mir jedes Klischee aufs Auge zudrücken, was dir zum Thema Rockstars einfällt?“, fragte er freundlich und Lisa errötete bis in die Haarspitzen.
„Entschuldige, ich bin heute nicht in Form und versuche mich davon zu überzeugen, dass alle Männer schlecht sind.“
„Vor allem wir Rockstars?“
„Ja, vor allem ihr Rockstars.“
„Du bist Lisa, oder?“, fragte er. „Die Freundin von Lizzy und Mia.“
„Und du bist einer von Liams Kollegen oder wie nennt ihr euch so?“
„Im Allgemeinen sind wir vor allem Freunde und die nennen mich in der Regel John.“

Lisa nahm einen erneuten Schluck und kicherte ausgelassen.
„Was ist so komisch?“
„Es ist so typisch für mich, dass dieser beschissene Tag einfach nicht besser wird …“ John hob eine Braue. „Was nicht an dir liegt …“, warf Lisa halbherzig ein und seufzte dann. „Siehst du? Das meine ich. Ich rede so lange weiter, bis ich jeden vergrault habe. Ich mache alles nur noch schlimmer.“
„Also bis jetzt vergraulst du mich nicht. Du hattest also einen beschissenen Tag? Ich wette ich halte dagegen.“
„Vergiss es! Niemals!“ Lisa begegnete Johns Blick, der sie forschend ansah.
„Lass mich mittrinken und ich erzähle dir von meinem Tag“, forderte er sie auf und Lisa reichte ihm die Flasche.
„Hast du schon mal das Gefühl gehabt morgens aufgewacht zu sein und jemand hätte dir dein Leben gestohlen?“ Lisa nickte zustimmend. „Ich habe gestern meine Kinder besucht und Josie zum Geburtstag beschenkt, nur um festzustellen, dass sie das Geschenk bereits von ihrem neuen Stiefvater bekommen hatte. Dann habe ich am heutigen Abend dabei zusehen müssen, wie besagter Stiefvater meine Exfrau über die Tanzfläche geführt hat und sie kichernd auf der Toilette verschwunden sind.“

Lisa streckte eine Hand aus und berührte ihn an der Schulter. „Das ist scheiße!“
John nahm noch einen Schluck und reichte Lisa die Flasche zurück. „Jetzt bist du dran!“
„Wenn ich dir das erzähle, muss ich dich danach zum Schweigen bringen. Das ist dir hoffentlich klar.“
„Ich schweige wie ein Grab, es sei denn dir fällt etwas anderes ein, wie du mich ruhig halten kannst …“
Sie überging diese Flirterei großmütig. „Ich habe vorgestern in der Schublade meines Freundes einen Ring gefunden“, begann sie leise. „Wir waren seit drei Monaten zusammen und ich fand es reichlich früh für einen Antrag. Andererseits … na ja jedenfalls habe ich ihn heute Abend überraschen wollen. Es ist unnötig zu erwähnen, dass ich unter einem schwarzen Trenchcoat nichts weiter anhatte, als einen winzigen roten Spitzenslip und elf Zentimeter hohe Pumps.“ Johns Augen wurden groß und Lisa bedeutete ihm, dass es noch weiterging. „Ich betrat also sein Büro im Krankenhaus und erwischte ihn in flagranti mit einer fremden Frau. Fremd zumindest für mich. Denn diese Frau trug besagten Verlobungsring und es stellte sich heraus, dass ich die andere Frau bin.“ Sie holte tief Luft, um nicht in Tränen auszubrechen. „Ich bin geflüchtet, habe mir die Türe vor die Stirn geschlagen“, sie deutete auf die blaue Stelle, die ziemlich pochte. „… mir meinen Absatz abgebrochen, den Fuß verletzt und bin in die Arme meines Chefs gelaufen.

Jetzt bin ich hier um meiner wundervollen Freundin zur Verlobung zu gratulieren und habe einem völlig Fremden die peinlichste Geschichte meines Lebens erzählt.“ Sie versteckte ihr Gesicht hinter den Händen.
„Ein roter Spitzenslip?“, war alles was John heiser wiederholte und brachte Lisa damit zum Lachen. Sie war dankbar dafür.
„Tut mir leid, aber ich bin in den letzten Stunden lesbisch geworden. Also schlag dir diesen Gedanken schnell wieder aus dem Kopf.“
„Dann ist da wohl nichts dran zu machen“, grinste John und trommelte rhythmisch gegen Lisas Schienbein, was in ihr eine Vibration erzeugte, die ihr bislang völlig fremd war. „Der Typ ist jedenfalls ein hirnloses Arschloch.“
„Mir fallen da gleich noch ein paar andere Wörter ein …“
„Ich meine es absolut ernst. Wenn er nicht erkennt wie atemberaubend du bist, dann ist er ohne Hirn oder hat keine Augen im Kopf.“
„Was ist mit dir? Warum ist sie deine Exfrau, wenn du sie offenbar noch liebst?“
„Das mit Maureen und mir ist schwierig. Sie war meine erste Liebe. Wir haben früh geheiratet und sie hat mir zwei Kinder geschenkt. Sie kam mit dem Druck der Öffentlichkeit, dem Medienrummel, der unregelmäßigen gemeinsamen Zeit und den Gerüchten einfach nicht klar. Wir haben uns oft getrennt und sind immer wieder zusammen gekommen. Allein schon wegen der Kinder. Vielleicht ist es Gewohnheit sie zu lieben oder ich habe vielleicht einfach verlernt eine andere Frau ehrlich und aufrichtig zu lieben.“
„Fuck! Und genau das ist das Problem mit euch Scheißkerlen“, entfuhr es Lisa und John sah sie erschrocken an. „Entweder ihr habt Bindungsangst, seid einfach untreue Looser oder habt euer Herz an eine andere verschenkt. Ein echter Kerl wie du hat einfach keinen Platz für eine andere Frau.“ Sie lehnte den Kopf an das Treppengeländer und schloss die Augen. Dadurch entging ihr Johns Lächeln.

„Vielleicht müsst ihr Frauen euch auch einfach auf Kerle wie mich einlassen und sie nicht bei der ersten Schwierigkeit absägen“, schlug er vor.
Lisa tat betrübt. „Geht nicht mehr! Bin doch seit wenigen Stunden homosexuell.“
„Ach stimmt ja! Schade, denn ich kann einfach nicht aufhören an den roten Spitzenslip zu denken …“
Lisa öffnete ein Auge und sah ihn skeptisch an. „Machst du mich etwa jetzt gerade an?“ In Johns Augen glitzerten die Lichter der Veranda und Lisa spürte diese gewisse Spannung, die die Luft um sie herum elektrisch auflud. Das rhythmische Trommeln seiner Finger auf ihrem Bein hörte auf. Lisa dachte schon, dass sie die Stimmung ruiniert hatte, doch da berührten seine Finger ihre, die sie in ihren Schoß gelegt hatte.
„Wenn du glaubst ich sei so ein guter Kerl, wie kannst du glauben, dass ich diese Situation ausnutzen würde?“, fragte er anzüglich grinsend.
„Weil die besten Kerle immer auch ein klein wenig böse sind und sich einfach nehmen, was sie haben wollen“, sprudelte es aus ihr hervor. In Johns blauen Augen blitzte es gefährlich.

„Angenommen ich hätte ein Zimmer im Bed & Breakfast gegenüber gemietet, weil ich zu betrunken wäre, um nach Hause zu fahren. Würdest du mir dort diesen roten Spitzenslip zeigen, von dem ich so viel gehört habe?“, raunte er ihr zu und beugte sich zu ihr vor. Er war nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt und Lisa stockte der Atem. Sie blickte in seine eindrucksvollen Augen und konnte die hellen Sprenkel um seine Iris betrachten. Beide Arme stemmten sich rechts und links von ihr ab und sie sah deutlich die Muskeln, die unter seinem Hemd spielten. Sie konnte es kaum erwarten zu sehen, wie sein Körper wohl ohne lästige Kleider aussah. Sie wollte noch viel dringender wissen, wie er sich anfühlte. Jeder gute Vorsatz war vom Tequila fortgespült worden und Lisa sehnte sich danach, endlich zu vergessen. Vielleicht würde hemmungsloser Sex mit einem Fremden sie vergessen lassen, was der Schnaps nicht zu schaffen vermochte. Sie legte einen Arm um seinen Nacken, während die andere Hand sich auf seine Brust legte.

Schwungvoll ergriff er sie mit beiden Armen und hob sie mit Leichtigkeit auf seine Arme. Er wirbelte sie einmal umher und hielt sie mit bewundernswerter Standhaftigkeit fest im Arm. Ihre Lippen trafen sich nach wenigen Augenblicken und sie küssten sich mit einer Sehnsucht nach etwas, dass keiner von ihnen genau benennen konnten. Lisa schlang nun beide Arme um seinen Hals und kicherte, als er sie mit strammen Schritten über die Veranda und den Parkplatz zum Bed & Breakfast trug. John stellte sie nur kurz auf die Füße, als er die Tür aufschloss. Da fiel ihr etwas ein, das sie ihm verschwiegen hatte.
„Es gibt da übrigens etwas, das du vermutlich noch wissen solltest, bevor … na ja, es geht um den Slip.“
„Lass mich raten: Das waren alles falsche Versprechungen?“
Lisa lächelte entschuldigend. „Er ist einem Minnie-Mouse-Slip gewichen.“
John machte erst ein enttäuschtes Gesicht und grinste dann. „Soll ich dir etwas verraten, Lisa? Ich war eh an etwas anderem interessiert.“

„Skandalös!“, rief sie aus und ließ sich von ihm schwungvoll aufs Bett wirbeln. Er legte sich der Länge nach auf sie und füllte die Leere aus, die sie so sehr hatte verzweifeln lassen.
„Ich will etwas völlig anderes tun …“ Seine Hand tastete sich unter ihr Kleid und schob ihren Slip weit genug zur Seite um sein Ziel zu erreichen. Lisa stöhnte auf und ließ sich von ihm eindrucksvoll verwöhnen. Sein Kopf verschwand ebenfalls unter ihrem Kleid und Lisa schrie verzückt auf. Sie kam zweimal zum Höhepunkt, bevor er sich seiner Jeans überhaupt erst entledigt hatte. Und danach ein weiteres Mal mithilfe seiner Männlichkeit, die sich an ihrer empfindsamsten Stelle rieb. Doch es war erst der Moment, als er tief in sie eindrang und eine Welle der Leidenschaft sie vergessen ließ und zu neuen Ufern brachte. Allerdings zu keinen Gleichgeschlechtlichen.

zurück