Leseprobe: Millionaires Club – Dante

Kapitel 1

DANTE
Der Kaffee wärmte Dante gegen die Kälte in seinem Inneren, während er seiner Hündin Minouk immer wieder den Ball warf, den sie anschließend aus den Fluten holte. In Miami konnte man kaum von wahrhaftigem Frostwetter sprechen, denn selbst im Winter lagen die Temperaturen bei höchst angenehmen und frühlingshaften Wärmegraden. Dennoch konnte Dante nichts gegen das leichte Frösteln tun, das ihn hin und wieder kalt erwischte. Ein vertrauter Schmerz kämpfte sich an die Oberfläche, jedes Mal von Neuem, sobald er an dieser Stelle am Strand stand und auf die ihm mittlerweile schon vertraute Szenerie am Pier blickte. Es war so früh am Morgen, dass die Sonne noch nicht ganz aufgegangen war, sondern gerade am Horizont erschien und alles in ein stimmungsvolles Rot tauchte. Er sah, wie eine ihm nur zu bekannte Frau einen Rollstuhl den Pier entlang vor sich herschob und ihn in die richtige Position brachte, um den herannahenden Sonnenaufgang bestmöglich erleben zu können. Sie stellte die Bremse fest, richtete sich auf und beugte sich zu der etwa gleichaltrigen Frau vor ihr hinab, die eine Decke über die Beine gelegt hatte. An ihrer Geste erkannte er, dass die Frau im Rollstuhl über etwas lauthals lachte, auch wenn er es nicht hören konnte. Seine Gedanken wurden vom unerwarteten Schmerz unterbrochen, der hinauf in seine rechte Brust wanderte. Dante fasste sich automatisch an die Schulter, über die sich einige lange Narben zogen, die jedoch von seinem Hemd verdeckt wurden. Die Beschwerden, die diese Verletzung nach all den Jahren immer noch mit sich brachten, waren nichts im Vergleich zu dem, was seine Seele ertragen musste. Dennoch schämte er sich beinahe für seine Empfindungen. Aus seiner Sicht stand es ihm schlicht nicht zu, sich in seinen Schuldgefühlen zu suhlen. Der letzte Schluck seines Kaffees war schon kalt, so lange hielt er sich bereits hier auf und beobachtete die beiden Frauen, die dort dem herannahenden Tag entgegenschauten.
Minouk, seine treue Wolfshündin, die ihn immer überallhin begleitete, berührte ihn tröstend mit ihrer feuchten Schnauze an der Hand, als spüre sie genau, dass ihn etwas quälte. Ein trauriges Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er neben ihr in die Hocke ging und ihr graues Fell streichelte. Die ersten Sonnenstrahlen tauchten die Umgebung in goldenes Licht und Dante hob den Blick der Sonne entgegen. Die Müdigkeit der durchwachten Nacht kroch zunehmend in seine Glieder und doch konnte auch er sich dem Zauber des anbrechenden Tages nicht entziehen. Das Kreischen der Möwen, das Rauschen der Wellen und der Wind in seinem Haar beschworen Kindheitserinnerungen herauf und das erste Mal seit einer geraumen Zeit holte er so tief Luft, dass er sich kräftig genug für einen Marathon fühlte. Dante sah fasziniert dabei zu, wie der glühende Feuerball am Horizont emporstieg, fast wie ein Phönix aus der Asche. Wie schaffte es diese Welt bloß immer wieder, ihn durch ihre Einfachheit atemlos zurückzulassen? Egal wie schrecklich sich die Dinge für einen auch entwickelten, man konnte stets darauf vertrauen, dass die Sonne jeden Morgen auf- und am Abend wieder unterging. Sie war so viel zuverlässiger als alles andere in seinem Leben. Etwas, das ihn jeden Tag von vorn beginnen ließ, unbeeindruckt davon, welche Narben er gerade wieder von einem Kampf davongetragen hatte. Die Welt vergab der Menschheit, egal was sie ihr auch antat, und zeigte das, indem sie ihnen immer wieder einen weiteren Tag schenkte. Aber was bedeutete das für ihn? Stand ihm womöglich auch Vergebung zu?
Als er erneut zum Pier blickte, erstarrte er. Der Rollstuhl blieb allein zurück und Dante sah sich nach Sharleens Begleitung um, die sich ihm unbemerkt von hinten näherte. Haley Chenova. Sie war die Schwester der Frau, die er beinahe auf dem Gewissen gehabt hätte. Dante war den beiden zu diversen Gelegenheiten begegnet, wie etwa im Krankenhaus, den Gerichtsterminen und Anhörungen und so oft danach, ohne dass sie ihn bemerkten. Ihr Gesicht war wutverzerrt und ihre Stimme bebte empört, was er gut verstehen konnte. „Was fällt dir eigentlich ein?“, herrschte sie ihn an. Bereits bevor diese ganze Sache so fürchterlich schief gegangen war, hatten sie sich durch die Schule und den gemeinsamen Freundeskreis gekannt. Ihre dunklen Haare waren zu einem langen Zopf zusammengeflochten, während ihre grünen Augen gefährlich blitzten. „Glaubst du, ich merke nicht, dass du uns jeden verdammten Samstag beobachtest? Das grenzt ja schon an Stalking. Ich sollte dich festnehmen.“
Dante hob entschuldigend die Hände, als wolle er sich ergeben. „Sorry, ich … ich trinke nur meinen Kaffee …“
„Ja?“ Mit in die Hüfte gestemmten Händen überrumpelte sie ihn derart, dass Dante nicht mal eine gute Ausrede einfallen wollte. Unter anderen Umständen hätte er über diese Vorstellung gelacht, dass gerade er, ein Bär von einem Mann, ganze 1,96 Meter groß und fast hundert Kilo reine Muskelmasse, sich von einer winzigen Frau einschüchtern ließ.
„Was genau willst du der Polizei sagen? Dass ein Mann jeden Morgen mit seinem Hund spazieren geht, bevor er sich nach einer langen Nacht schlafen legt?“, fragte er unschuldig und deutete auf Minouk, die wachsam neben ihm stand und zu seiner Verärgerung aufgeregt mit dem Schwanz wedelte.
Entrüstet verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust und der Wind wehte ein paar lose Strähnen in ihr Gesicht. „Wir beide wissen genau, dass der Hund wohl kaum der Grund ist, warum du hier bist.“ Aufgebracht starrte sie ihm entgegen, während sie die Lautstärke ihrer Stimme etwas senkte. „Hast du kein Gefühl von Anstand und Respekt? Lass uns einfach in Ruhe!“
Dante beobachtete Haley, wie sie mit traurigem Gesichtsausdruck zu ihrer Schwester hinaufsah. Was tat er überhaupt hier? „Ich wollte wissen, wie es ihr geht und ob die Therapie anschlägt – das ist alles“, redete er sich heraus und seufzte.
Ein herablassendes, gequältes Lachen ertönte und sie sah ihn unerbittlich an. „Ob ihre Therapie anschlägt? Ihr Rückgrat ist gebrochen! Dafür gibt es keine Behandlung. Sharleen wird nie wieder laufen können. Sie wird nie von unserem Vater zum Altar geführt werden oder ihre Kinder am Strand entlangjagen können. Sie kann nie wieder mit einem Mann tanzen oder Cheerleader sein. Sie wird für immer in diesem Rollstuhl sitzen und du allein bist schuld daran. Wenn du also je das Bedürfnis hast, etwas über ihren Gesundheitszustand zu erfahren, dann merke dir meine nächsten Worte genau …“ Sie kam bedrohlich näher und tippte mit dem ausgestreckten Zeigefinger gegen seine Brust. „Solange meine Schwester noch an diesen Stuhl gefesselt ist, hast du kein Recht, dich auch nur in ihrer Nähe aufzuhalten. Wir wollen weder dein Geld, noch die Geschenke oder irgendwelche anderen Gefälligkeiten. Wir verabscheuen deine Gesellschaft, dein geheucheltes Interesse an Sharleens Verfassung und alles, was dir sonst noch einfällt. Wenn man dich auf dem Mond aussetzen würde, wäre die Entfernung noch nicht weit genug. Falls du einen grausamen Tod findest, werde ich auf deinem Grab tanzen, denn du hast das Leben meiner Schwester, nein, meiner gesamten Familie zerstört. Wage es also nicht, uns je wieder nahezukommen. Sonst wirst du mich von meiner bösen Seite kennenlernen.“ Sie sah ihm fest in die Augen und hielt eine Sekunde lang inne, die ewig zu währen schien. Ihre Blicke verhakten sich ineinander, während die Berührung ihres Fingers auf seiner Haut ein Prickeln erzeugte, das sich in seiner Brust ausbreitete. Ihre Gesichtszüge wurden weicher und der Ärger wich Verblüffung, ehe sie sich überstürzt zurückzog und beinahe über den winselnden Aufpasser fiel, der ihr förmlich zu Füßen lag. Ohne sich erneut zu ihm umzudrehen, eilte sie am Pier entlang zurück zu ihrer Schwester und Dante schloss gequält seine Augen. „Verräterin! Ein toller Wachhund bist du!“, sagte er vorwurfsvoll zu der Hündin, die zumindest den Anschein erweckte, bedauernd dreinzusehen. Dann wandte er sich um und verließ schweren Herzens den Strand. Es gab kein Heilmittel für Sharleen und somit auch keins für seine Schuldgefühle. Diese Last würde er für den Rest seines Lebens mit sich herumtragen und manchmal fragte er sich, wie lange er sie noch ertragen würde.

***

HALEY
„Du bist so still“, stellte Sharleen betont ruhig fest, als sie im Auto saßen und Haley den Transporter durch Miamis Straßen lenkte.
Unwirsch strich sie eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Ich? Ach so, ich mag den Song“, schwindelte sie und deutete auf das Autoradio, das ein Lied von Green Day spielte.
„Echt? Seit wann stehst du auf diesen rockigen Sound?“
Haley stöhnte und rollte mit den Augen, als sie an der nächsten roten Ampel hielt. Sie hatte die nervige Angewohnheit ihrer großen Schwester vergessen, die darin bestand, jeder noch so kleinen Stimmungsschwankung auf den Grund zu gehen. „Darf sich mein Musikgeschmack nicht mal ändern?“
Sharleen ließ sie nicht aus den Augen. „Sicher doch, aber ich merke, wenn du dich von mir zurückziehst, Schwesterherz. Du verheimlichst mir etwas und ich bin sicher, dass es etwas mit Dante und eurem Gespräch vorhin zu tun hat.“
Zum Glück stand sie bereits, denn ihre plötzliche Erstarrung wäre sicher zu einer Gefahr für die anderen Verkehrsteilnehmer geworden. „Wieso weißt du denn davon?“
Sharleen schüttelte ungläubig den Kopf. „Entschuldige mal bitte, ich bin weder blind noch komatös, sondern lediglich querschnittsgelähmt.“ Der trockene und oft bissige Humor ihrer Schwester brachte die meisten in deren Umgebung dazu, sich regelmäßig unwohl zu fühlen. Vorrangig, weil sie es nicht ertrug, wenn man über ihre Behinderung unbehaglich schwieg.
„Aber woher weißt du, dass er es war?“
„Seine Gestalt kann man unmöglich übersehen. Abgesehen davon …“ Nun nahmen ihre Züge einen bedrückten Ausdruck an. „Er kommt jede Woche dorthin, manchmal sehe ich ihn auch, wenn ich bei der Therapie bin.“
Haley runzelte die Stirn. „Ich …“ Ein drängelndes Hupen riss sie aus ihren Gedanken und sie fuhr eilig an. „Und das ist okay für dich?“
Ihre Schwester zuckte mit den Schultern. „Wieso nicht? Das ist doch ein freies Land.“
„Ich könnte ihn wegen Stalking festnehmen lassen.“
„Ich bitte dich, Haley, er stalkt mich doch nicht. Jetzt komm schon, du weißt, dass das nicht wahr ist. Ich glaube, es hilft ihm, mich zu sehen, damit er weiß, dass ich noch lebe. Es ist seine Art der Anteilnahme.“
„Dass ich nicht lache! Anteilnahme?“, echote Haley aufbrausend. „Er hat mit seinen coolen Kumpels überhaupt erst dafür gesorgt, dass du …“
„Ein Krüppel bist?“, vollendete Sharleen ihren Satz und Verbitterung schwang in ihrer Stimme mit.
„Sag das nicht! Du bist querschnittsgelähmt. Dante ist verantwortlich dafür und mit einem lächerlichen Vergleich davongekommen, den er nur bekommen hat, weil sein Vater ein Abgeordneter ist.“
„Das Geld bezahlt meine Therapie, die Miete und ermöglicht mir mein Studium, vergiss das nicht“, erinnerte Sharleen sie sanft.
„Das ist ja wohl das Mindeste“, entfuhr es Haley härter als beabsichtigt. „Entschuldige, ich bin nur immer so …“
„Wütend?“, vollendete Sharleen erneut ihren Satz.
„Ja, stocksauer. Ich … wünsche mir nur ein leichteres Leben für dich. Das alles ist so unfair …“ In dieses Thema konnte sich Haley besonders gut hineinsteigern.
„Aber, es ist mein Leben, Haley. Ich habe meinen Frieden damit gemacht und du solltest das auch endlich tun.“
„Oh Gott, du bist der beste Mensch überhaupt. Wie schaffst du das nur? Wie kannst du ihm verzeihen?“
Sharleens Miene zeigte mehrere wechselnde Empfindungen, unter anderem Reue und Schuld. „Ich bin kein so guter Mensch, wie du immer glauben willst. Außerdem … seit dem Unfall ist eins sicher: Ich will leben und alles mitnehmen, was es noch für mich bereithält. Wenn ich voller Hass und Rachegedanken durch die Welt irren würde, was wäre das dann für ein Leben?“ Sharleen sah nachdenklich aus dem Fenster und bevor Haley etwas erwidern konnte, klingelte ihr Telefon, das an der Freisprechanlage hing.
Haley nahm das Gespräch an. „Ja?“
„Ich bin`s, Hal. Es gibt eine Leiche“, meldete sich ihr Partner Charly West.
„Und wo?“
„Das wird dir nicht gefallen“, antwortete Charly mürrisch.
„Sag schon.“
„Es ist der Club Dantes Inferno.“
Haley fuhr gerade auf den Garagenplatz ihres Zuhauses und parkte. Sie lehnte den Kopf gegen das Lenkrad und seufzte. „Wieso will mich das Universum bestrafen? Was stimmt mit meinem Karma nicht? Was habe ich in meinem früheren Leben nur falsch gemacht? Katzenbabys geärgert?“
„Haley?“, ertönte Charlys Stimme etwas blechern durch die Freisprechanlage.
„Ja, ich komme sofort“, beeilte sie sich zu sagen und legte auf.
Beim Blick in Sharleens Augen stöhnte Haley gequält auf. „Es scheint ganz so, als seien wir noch nicht fertig mit Dante Sánchez.“ Ihre Schwester schien diese Nachricht zu erfreuen.
„Das ist nicht hilfreich“, entfuhr es Haley leicht genervt, die sich weniger Sorgen um ihre gemeinsame Vorgeschichte machte, als vielmehr um die Wirkung, die er am Strand auf sie gehabt hatte.

***

DANTE
Die letzten Sekunden des Autorennens verliefen jedes Mal in Zeitlupe in seinem Traum ab. Er sah die Strecke vor sich, das Ziel, das vor ihm lag und immer näher kam. Er hörte sich jauchzen, während er Tom überholte, und wie er schließlich in der letzten Kurve die Kontrolle über das Steuer seines Autos verlor, ehe er in die Beifahrerseite des anderen Wagens knallte und sich anschließend einmal überschlug. Dante sah, wie die Glassplitter um ihn herumflogen und auf ihn herabfielen, als das Fahrzeug schließlich auf dem Autodach liegen blieb. Seltsamerweise spürte er keinen Schmerz, als er kopfüber hinunterhing. Das Letzte, was er wahrnahm, war der Schutzengel seiner Großmutter, der an seinem Rückspiegel gehangen hatte und nun ganz in der Nähe seiner Hand lag. Er griff danach, während eine warme Flüssigkeit über sein Gesicht lief. Gerade als er das Bewusstsein verlor, glaubte er, einen markerschütternden Schrei zu hören, der ihn schließlich aus dem Schlaf riss. Schweißgebadet saß er nun im Bett seiner millionenschweren Yacht und spürte Minouks Schnauze beruhigend auf seinem Bein liegen. Es war erstaunlich, dass sie seine Gefühle oft besser verstand als viele seiner Mitmenschen. Er starrte auf den Wecker, der angab, dass er wieder mal höchstens drei Stunden geschlafen hatte. Es war nicht mal zehn Uhr vormittags. Dante konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal eine Nacht lang durchgeschlafen hatte. Plötzlich nahm er das Klingeln seines Mobiltelefons wahr, das auf dem Nachtschrank lag, und griff danach. Es war Jeremy, der Geschäftsführer seines Clubs in Miami. Eilig nahm er ab. „Was ist los, Jere?“
„Du solltest besser sofort herkommen, Dante. Die Polizei ist hier.“
„Was?“, stöhnte er genervt. „Sag ihnen, sie kommen ein paar Stunden zu spät, um uns wegen Ruhestörung oder einer Razzia im Nacken zu sitzen. Sie sollen heute Abend wiederkommen“, murrte er genervt ins Telefon, als er, wie Gott ihn schuf, aus dem Bett stieg.
„Glaub mir, Dante, darum geht es dieses mal nicht“, erwiderte Jeremy leicht nasal.
„Was dann? Haben wir irgendwelche Drogenbosse im Club gehabt, von denen ich wieder mal nichts wusste?“
„Ich wünschte, das sei alles. Sie haben eine Leiche gefunden“, ließ er die Bombe platzen. „Direkt hinterm Club bei den Mülltonnen.“